Von Chicago nach Champaign. Ein kalter, kristallklarer Morgen. Der Wetterbericht meldet Nordwind mit 25 Knoten. Sehr gut. Diese Brise wird mich nicht nur schnell nach Süden tragen, sondern auch von der kurzen Startbahn sicher abheben lassen. Der Flugplatz Merril C. Meigs ist klein und gefährlich. Er liegt auf einer schmalen Halbinsel dem Stadtzentrum von Chicago gegenüber. Ein Fehler im An- oder Abflug, und die Maschine stürzt ins schmutzige Wasser des Michigansees oder in eines der vielen Büros in den Wolkenkratzern am Ufer.

Dennoch ist es der verkehrsreichste Flughafen der Welt. Jede Sekunde starten und landen hier Dutzende Maschinen. Meist einmotorige Cessnas, aber auch Kampfflugzeuge, uralte Doppeldecker und Transportmaschinen. Sogar Jumbos haben es geschafft, auf dem knappen Asphaltstreifen zum Stehen zu kommen. Ein Wunder, das freilich nur am Computer vollbracht werden kann. Meigs Field ist der Heimathafen des Flugsimulators von Microsoft. Jeder, der zum ersten Mal dieses Programm laufen läßt, wird automatisch hierher katapultiert, in das Cockpit einer startbereiten Cessna 182 RG auf der Startbahn 36.

Das Programm ist ein Dauerbrenner. In fünfzehn Jahren sind bis heute über fünf Millionen Exemplare verkauft worden. Die neueste Version, der Flight Simulator 95 , ging seit der Markteinführung im Dezember 96 allein in Deutschland schon 150 000 mal über die Ladentheke.

Dabei bietet er ein denkbar geruhsames Vergnügen. Man reißt nicht unentwegt am Joystick herum und schießt Feinde ab wie bei anderen Simulatoren. Statt dessen darf man dahinfliegen über eine ziemlich realistische Landschaft mit Gebäuden, Straßen und Brücken, und wie in einem echten Flugzeug gibt es jede Menge Knöpfe, Schieber und Hebel zu betätigen: Der Kreiselkompaß muß auf den Magnetkompaß geeicht, die Landescheinwerfer müssen eingeschaltet, die Tankwahlschalter überprüft werden. Es ist diese Kombination aus touristischem Spaß und fliegerischer Genauigkeit, der sich die Beliebtheit des Flight Simulator verdankt.

Ich ziehe die Maschine hoch und drehe nach Süden. Meine Route führt über Kankakee, Illinois. Hier war ich früher sehr oft. Der Flughafen von Kankakee hatte etwas Spezielles, das in der Computerwelt sonst nirgendwo zu finden war: eine schillernde, dreidimensionale Tankstelle. Mitte der achtziger Jahre gab es nur sehr wenige Gebäude auf der perfekt glatten und perfekt grünen Erde des Flugsimulators. Eine bunte Tankstelle war schon viele Meilen Flug wert.

Die Nadel des automatischen Funkpeilers schlägt plötzlich aus. Ich bin endlich in Reichweite des letzten Funkfeuers auf meiner Route und mache mich für eine Instrumentenlandung bereit. Es ist ein sehr schöner Anflug, mit mehreren Meldepunkten und einer leicht zu findenden Warteschleife, falls die Landung schiefgeht. In der Welt des Flugsimulators sind mittlerweile viele Flughäfen mit einem Landekurssender ausgestattet. Früher hatte in der ganzen Region der Großen Seen nur Champaign diese Ehre.