Gheorghe ist tot. Die Lunge war zerfressen. Der mit dem Greisengesicht über dem Kinderkörper berichtet das in abgehackten Wortfetzen. Die anderen aschgrauen, von Schmutz verklebten Zwerge hängen an uns wie Kletten: sieben, neun, zwölf, laufend werden es mehr.

Der wie ein Wolf heult, klammert sich flehend an Ruths Jeansjacke, so wie er das fürs Betteln gelernt hat. Der in den breitgetretenen Damenschuhen holt augenzwinkernd seine langen Finger aus meiner leeren Jackentasche. Der mit den Ekzemen am halbgeschorenen Kopf schmiegt sich seitwärts an und will mich fest an seiner feuchten Hand halten. Die mit der Schiebermütze hebt den Arm vors Gesicht und biegt Daumen und Zeigefinger zum Kreis: Super, signalisiert die Stumme vom Gara de Nord, super war Gheorghe. Mit den Fingern rechnet die gut Zwanzigjährige vor: zehn - fünf - eins. Sechzehn.

Sechzehn Jahre alt ist Gheorghe geworden. Er führte an den Standorten Nordbahnhof und Bessarabischer Bahnhof eine der Rotten von Bukarests 2000 Straßenkindern an. Ein Gerechter unter den Verdammten. Einer, wie es ihn nur selten gibt zwischen den nach Urin stinkenden Kanalschächten und den Bahnhofstoiletten, auf denen auch eine Neunjährige schon mal für Oralsex ein, zwei Mark von Gleisarbeitern oder Bettlern einstecken kann. Dort ganz unten, wo Gheorge ein kleines Licht in die Dunkelheit brachte, ist der aggressive Darwinismus nackter Überlebenskampf und nicht protzende Gewinnstrategie wie ganz oben in der Shareholder-Gesellschaft. Da bedrohen feindliche Übernahmen der stärkeren Pulks alltäglich die Schwächeren und ihre winzigen Hungerrationen aus Bettelei, Mundraub und Kindersex.

Gheorghe machte da nicht mit, plünderte keine Wehrlosen. Er stammte noch aus der alten Zeit, kam mit der ersten Welle der Straßenkinder, die nach dem Sturz Ceausescus Ende 1989 wie aus dem Nichts Rumänien überflutete und die Welt schockierte. Bis dahin war es dem Ausland entgangen, daß der größenwahnsinnige Conducator seinen verarmten Landsleuten Abtreibungen erst nach dem fünften Kind gestattete. Was dem Staat ein verlorenes Heer von ungewollten, ausgesetzten, in den Kliniken hinterlassenen Neugeborenen bescherte.

Gheorghe, der Veteran, hatte den Diktator noch selbst erlebt. Oder genauer: Ceausescus KZ-ähnliche Waisenhäuser und leagane, Krippen, die Rumänien mehr aidskranke Kinder sowie minderjährige Straßenmädchen und Strichjungen beschert haben, als es sie sonstwo in Europa gibt. Gheorghe blieb bis zu seinem Tode fair gegenüber der neuen Generation der Straßenkinder, deren Zahl trotz Rumäniens politischer Wende weiter wächst.

Wie jeder der Ärmsten der Armen hat Gheorghe zuviel Goldlack eingeatmet.

Aurolac, die in Plastiktüten gesprayte Lackfarbe, deren Nitroverdünnung die Kinder gierig inhalieren. Sie nimmt Hunger und Verzweiflung, aber auch Wachstum und das letzte Quentchen Verstand. Aurolac ist ätzend - für die Stimmung, für die Lungen.

Das Schicksal Gheorghes bewegt die Kinder, ohne daß sie daraus eine Lehre zu ziehen versuchten. Sie können gar nicht ans Entrinnen denken. Dazu bedürfte es einer Identität. Die fehlt den meisten, die oft nicht einmal wissen, woher sie kommen, oder es durch Aurolac vergaßen. Sie haben auf ihrer Flucht aus Waisenhäusern oder familiären Katastrophen nur zwei Reflexe entwickelt: vor der Gefahr zu flüchten und die Gunst des Augenblicks zu nutzen. Alles, was darüber hinausgeht, erfahren viele von Ruth, von Gabriela, von der Internationale der jungen Sozialhelfer. Sie wirken in Rumänien für freie Träger und fast ohne Netz. Ruth Zenkert, Mittdreißigerin aus Schwaben, die von Informatik zur Religionspädagogik wechselte, leitet die inzwischen selbständige Organisation Concordia. Auf den Weg gebracht von der Caritas und einem eher fröhlich als fromm akquirierenden Wiener Jesuitenpater, hat der Verein drei Häuser und eine brachliegende Kolchose erworben - mit Werkstätten, Kühen und Kirche. Ein Segen für 110 Straßenkinder.

Gabriela Alexandrescu, Mittdreißigerin aus Bukarest, die von Kybernetik und Ökonomie auf Menschenrechte umsattelte, führt die Geschäfte der NGO Salva÷ti Copiii (Rettet die Kinder). Das Hilfswerk unterhält in einem Dutzend rumänischer Städte kleine Heime oder Kinderzentren. Die Retter, die sich an westeuropäischen Organisationen und der Unicef orientieren, haben Hunderte von Dateien angelegt und ein Nottelephon für Kinder eingerichtet: Bukarest 223 01 01.

Beide Vereine stehen nicht allein und sind doch weitgehend auf sich selbst angewiesen. Das noch immer retardierte Land ist der über ganz Osteuropa heraufziehenden Katastrophe - mit inzwischen einer Million Kindern in staatlichen Heimen - am wenigsten gewachsen, materiell wie mental. Für die rumänischen Kinder kommt fast alles Gute noch von oben und von außen.

Vom Frankfurter Pfarrer Karl-Heinz Pelikan zum Beispiel und der Hamburger Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Sie haben das 1990 im Nordwesten Rumäniens entdeckte Todeslager für zurückgebliebene Kinder im Horrorschloß von Cighid in eine Dorfgemeinschaft von behinderten Menschen umgewandelt.

Von London fliegen junge Schwestern, Hausfrauen, pensionierte Polizisten ein, die sogar ihr Ticket noch selbst bezahlen. Sie füttern, pflegen, trösten aidskranke Kinder, die sich zumeist durch verseuchte Transfusionen infiziert haben. Den Verstoßenen "mit der Teufelskrankheit", von denen die meisten Rumänen nichts wissen wollen, hat die britische Organisation Children in Distress in der Kleinstadt Cernavoda ein Hospiz eingerichtet. Ohne alle öffentlichen Gelder. Als Oberschwester Linda Hall den Bürgermeister um Unterstützung für die Todgeweihten bat, antwortete der: "Wie soll ich Geld geben für Kinder, die sowieso sterben werden? Ich brauche es für Menschen, die weiterleben."

Was die 100 000 Heim- und Straßenkinder, die weiterleben, vor allem brauchen, sind Beispiele. Beispiele dafür, daß nicht alle Menschen bedrohliche Wracks sind, aus dem Ruder gelaufen, ohne Selbstkontrolle, alles mit sich in die Tiefe ziehend. Daß nicht alle Entsorger in weißen Anstaltskitteln nur drei Minuten pro Tag und Kind haben und die Kleinen danach wieder in ihrem Kot liegen lassen. Daß nicht alle Erwachsenen Alkoholiker sind, Prügler in Polizistenuniformen, Pädophile als gute Onkel aus dem Westen.

Ruth gibt den Kindern vom Bukarester Nordbahnhof die Ahnung von einer anderen Welt. Die Horde in Lumpen wirbt um ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung, unstet, sprunghaft, mit Faustschlägen für die Nebenbuhler. Ruths Geduld ist nicht zu strapazieren, ihre Entscheidungen sind nicht zu korrumpieren.

Sie hat zwei Jungen ausgeguckt, die nächste Woche auf die Farm umziehen sollen. Die Farm! Das ist es. Endlich verstehe ich den heulenden Wolf.

"Ferma", heißt sein langgezogener Klagelaut, "ferma!" Er möchte mit. Aber ihm ist nicht mehr zu helfen. In seinem staubgrauen Gesicht, durch das die Tränen weiße Furchen gezogen haben, beginnt schon die Wüste, die Aurolac wachsen läßt. Er wäre nicht mehr zu integrieren in das strenge Tagwerk der siebzig Kinder da draußen, achtzig Kilometer nordwestlich von Bukarest.

Die Farm ist die Endstation Sehnsucht aller Bahnhofskinder. Nur einer aus diesem Pulk war schon dort, bevor er wieder ausriß - aber alle fühlen sich berufen. Nun hat Ruth gesprochen. Der Fall ist erledigt. Gegen die glorreichen zwei, die sie auserwählt hat, erhebt sich keine Faust und kein Geheul. Die Karawane zieht gemeinsam weiter.

Aus dem Bahnhof und durch den Verkehr zur Imbißhalle. Drei dreckige Dutzend.

Die Passanten schütteln den Kopf oder sehen angestrengt in die entgegengesetzte Richtung. Der "Wirt" der Imbißhalle stellt sich in die Tür, als trete ein Pfarrer gegen die Schändung seiner Kirche vors Portal. Aber er weiß schon, daß er unterliegen wird. Die Kinder flitzen täglich durch sein Allerheiligstes, trinken Gläser mit abgestandenem Bier leer, reißen Essensreste an sich oder ein billiges Feuerzeug. Ruth wartet, bis das Gezeter verebbt, und zückt dann das Geldtäschchen. Die Kinder fluten in die halbgefüllte Halle. Das Geplärre und Geschubse um die schmuddeligen Stehtische nimmt der Boß der Kaschemme in Kauf. Fünfzig Mark für vierzig Portionen seiner Frikadellen mit Soße und vierzig Becher ähnlich schmeckender Brause sind ein gutes Geschäft. Da balanciert der Chef selbst mit den Plastiktellern durchs Gewoge. Und auch die Toilettenfrau bedient mit, gutmütig Ermahnungen murmelnd.

Die mit der Schiebermütze beruhigt das Geschehen an den Tischen mit erhobenen Handflächen wie ein Trainer am Spielfeldrand. Doch plötzlich schnippt die Taubstumme ihre Kippe durch den Raum - drei Männern mit alkoholgeröteten Gesichtern und einer üppigen Blondine genau auf den Tisch. Statt eines neuen Spektakels freundliches Winken. Victory-Zeichen. Man kennt sich. Wie und von wo ist nicht schwer zu erraten. Aber in der dunklen, zugigen Halle wirkt dieser Moment so aufhellend, als habe die Flugbahn der Kippe für Sekunden einen kleinen, farbigen Regenbogen hinterlassen.

Zu mehr, zu leuchtenden Tagen, hat es nie gereicht. Die Taubstumme wurde in die 2,5-Millionen-Stadt geschwemmt, konnte keine Angaben zur Familie machen, aber eine Ausbildung als Anstreicherin vorweisen. Doch in der weiterführenden Schule hielt es sie nicht. Sie kroch bei einer Zigeunerfamilie unter. Die ließ sie erbarmungslos mißbrauchen. Ein halbes Dutzend sexueller Kontakte pro Tag, bei ständiger Unterernährung. Als sie fliehen wollte, wurde sie erwischt und zusammengeschlagen. Die ungeschützten Kontakte brachten ihr verschiedene Geschlechtskrankheiten und eine Schwangerschaft. Weiter Sex bis zum siebten Monat. Dann eine Frühgeburt. Das Kind ist wohlauf. In staatlicher Obhut. Aber wenn die Heime so bleiben wie bisher, wird es in ein paar Jahren vielleicht den Platz der Mutter einnehmen, am Gara de Nord oder am Bessarabischen Bahnhof.

Alles bestens, bedeutet die Taubstumme und wischt die Finger an ihrem braunen Monteurskittel ab. Zwei Jungen mit Rissen in den Hosenböden küssen Ruth vor der Imbißhalle die Hand. Das sieht mehr nach orthodoxer Kirche aus als nach alter Kavaliersschule. Die Speisung der Vierzig hat den Abend mild werden lassen.

Nicu setzt sich noch ein paar Minuten vor den Gullydeckel, das Tor zu seiner Behausung. Dann steigt er die Eisenleiter hinunter in den Wärmeschacht unter der Grünfläche vorm Bahnhofsportal. Es riecht bestialisch. Die Augen unterscheiden kaum zwischen Dunkel und Dreck. "Da mußt du durch", sagt Nicu, "nicht viele von uns haben es so warm im Winter." Neben dem Riesenbauch des Wärmerohres dreht sich eine schmale Gestalt aus einem Gewirr von Leinen und Lappen. Sie greift zum Plastiksäckchen, pustet es mit prallen Backen auf, inhaliert, läßt sich zurückfallen, sucht mit den Füßen nach unförmigen Galoschen, stakst hinein und die Eisenleiter hoch.

"Anca", rasselt Nicu herunter. "Eltern tot. Aufs Kinderheim bald geschissen.

Mit dreizehn am Bahnhof. Einer von der ersten Generation hat sie gleich abgerichtet. Hängt mit siebzehn jetzt zuviel im Spiralnebel. Der Strich kotzt sie an. Aber was sonst, wenn sie 'n Dollar braucht."

Einige Jüngere nehmen diesen Lebensunterhalt leichter. Die neunjährige Waise M. P. zum Beispiel, die sich schon nicht mehr an das Heim erinnern kann. Zu einer erschütternden Studie über die sexuelle Ausbeutung von Straßenkindern, die Gabriela Alexandrescu und Nina Cugler für Rettet die Kinder zusammengestellt haben, steuert das Mädchen unbekümmert ihre Erfahrungen mit Oralsex bei. Für rund eine Mark sei das doch nicht schlecht. Was heißt überhaupt unsittlich oder schmutzig? Sie versteht das überhaupt nicht. Sie findet alles ganz normal und plaudert munter darüber.

Nach Schätzungen der Bukarester Polizei beginnen etwa zehn Prozent der weiblichen Straßenkinder im Alter von neun bis zehn Jahren mit der Prostitution. Noch hat die Mehrheit der minderjährigen Obdachlosen zwar andere "Einkommensquellen". Aber mehr als neunzig Prozent der herumziehenden Kinder, die sexuelle Beziehungen unterhalten, leiden an Geschlechtskrankheiten.

Die siebzehnjährige T. E. stammt aus einer Familie mit neun Geschwistern. Der Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, sitzt wegen Mordes. Sie selbst hat nie eine Schule besucht. Zur Prostitution kam T. E. mit dreizehn Jahren, ein ehemaliger Straßenjunge vergewaltigte sie, ihre Syphilis vertraute sie dem Arzt erst im fortgeschrittenen Stadium an. Die meisten der über 600 Straßenkinder, die inzwischen die beiden zuständigen Bukarester Krankenhäuser aufsuchen, sind sehr spät gekommen. Und geben selten preis, wer sie ansteckte oder auch nur aufnahm.

In den ersten Jahren nach ihrem Auftauchen 1990 fanden verführte Kinder vor allem im hergebrachten Milieu Unterschlupf. Bei der "alten Marina" zum Beispiel, einer Zigeunerfrau, die gelegentlich selbst am Nordbahnhof auftaucht und ansonsten zu Hause eine der Polizei bekannte Absteige "betreibt", wo auch Minderjährige längere Zeit unterkamen. Die jetzt siebzehnjährige T. C. lebte ein Jahr lang bei einem achtzigjährigen Bukarester, der kleine Mädchen um sich scharte und ihnen gegen Logis Sexspiele diktierte, ohne daß er selbst noch aktiv eingreifen konnte.

Doch mit der fortschreitenden Öffnung Rumäniens ist auch auf dieser Ebene die internationale Verflechtung gewachsen. Die erste Generation der Straßenkinder hat bereits einige professionelle Handlanger des Sextourismus hervorgebracht.

Zum Beispiel: M. P., 24 Jahre alt, und V. S., 17 Jahre. Die früheren Straßenjungen sind Zuhälter geworden. Sie mißbrauchen die minderjährigen Mädchen vom Gara de Nord zunächst, um sie dann über Taxifahrer ins Geschäft zu bringen.

Im vergangenen Monat gelang der österreichischen Polizei ein erster Schlag gegen einen mutmaßlichen deutsch-rumänischen Pädophilenring. Sie nahm in Bad Voeslau einen 55jährigen Deutschen fest, der nach ihren Angaben inzwischen gestand, 29 rumänische Mädchen im Alter von neun bis zwölf Jahren mißbraucht und gefilmt zu haben. Die Mehrzahl der älteren Sextouristen, die sich seit dem Aufbruch in Osteuropa von den Fernreisen nach Asien auf die Nachbarschaft verlegt hat, sucht in Rumänien allerdings Straßenjungen.

Die Kinder berichten inzwischen von etwa fünfzig Stammkunden in diesem Milieu. Vom "Lehrer" zum Beispiel, einem deutschen Mittfünfziger, klein und stämmig, grauhaarig, Brille, mit rotem Opel Kadett, der irgendwo eine Fahrschule betreibe. Da sind auch "Emanuel" und "Jean-Michel" aus Frankreich, die angeblich pornographische Darstellungen vertreiben und den Kindern bisweilen sogar Briefe mit Dollarnoten schicken. Zum Kreis der Besucher gehören "der Italiener" und "der Holländer". Rumäniens Straßenkinder zumindest sind schon in eine spezielle EU integriert, die ihre eigenen Sprachregelungen hat.

So wunderten sich manche Sozialhelfer über verstörte Reaktionen, wenn sie gelegentlich Minderjährige einluden, "ein Bad zu nehmen". Es dauerte seine Zeit, bis sie darauf kamen, daß dies zur ortsüblichen Offerte der in- und ausländischen Päderasten geworden ist. Inzwischen haben vor allem die Straßenhelfer von Salva÷ti Copiii bei ihren kleinen Klienten im Kampf gegen den Kindersex ein Vertrauen gefunden, wie es die staatlichen Behörden nie hätten aufbauen können. Den bisher größten Erfolg erzielten sie im vergangenen Herbst: In der Nacht auf den 17. Oktober stürmten zwei Polizisten, ein Vertreter der Staatsanwaltschaft und zwei Zeugen von Salva÷ti Copiii eine Wohnung im Stadtteil Crangasi. In dem vor die Tür geschobenen Bett erwischten sie den nahezu unbekleideten Franzosen Michel Paul Albenque mit einem zwölfjährigen Jungen. Der 1952 geborene Pariser bot stammelnd eine hohe Geldsumme an, wenn man ihn abziehen lasse. Inzwischen hat er nach Angaben der Behörden gestanden, bei seinen regelmäßigen Besuchen seit 1994 etwa dreißig Jungen mißbraucht zu haben, die er vor allem am Nordbahnhof auflas. Albenque hatte sich bei den Kindern zunächst als humanitärer Wohltäter eingeführt - bis einige von ihnen die echten Sozialarbeiter von Salva÷ti Copiii ins Vertrauen zogen.

Sextouristen und Syphilis sind nur zwei von vielen Plagen. Ein Bericht über achtzehn Länder in Osteuropa und im Raum der früheren Sowjetunion, den das Kinderhilfswerk Unicef kürzlich in Bonn vorlegte, dokumentiert: Überall sind es die Kinder, die am meisten unter dem Zusammenbruch der alten staatlichen Sozialstrukturen zu leiden haben. Sie werden von den klassischen Krankheiten der Armut eingeholt. Von Tuberkulose und Diphtherie, von Hepatitis und Meningitis. Trotz sinkender Geburtenraten seit 1989 steigt die Zahl der Findelkinder, die der staatlichen Obhut überlassen bleiben.

Rumänien ist von diesem Teufelskreis weiter am meisten bedroht. Seit der Wende 1989 ist es keinem Kabinett in Bukarest gelungen, die Sozialpolitik so zu gestalten, daß sie die Eltern darin bestärkt hätte, ihre Kinder bei sich zu halten. Was in der langen Nacht der Zivilisation, die der selbsternannte Sonnenkönig Nicolae Ceausescu über das Land brachte, erfroren ist, das kann auch im neuen Licht noch lange nicht nach Wunsch gedeihen.

Der Diktator hatte den gut zwanzig Millionen Rumänen Fruchtbarkeit diktiert.

Verhütungsmittel waren aus dem Verkehr gezogen. Frauen durften erst nach dem fünften Kind eine Schwangerschaft abbrechen. Weil die meisten Familien so viele Kinder gar nicht ernähren konnten, füllten sich Kliniken, Krippen und Waisenhäuser mit Zehntausenden erbarmungswürdigen Würmchen. Viele waren behindert, weil ihre Mütter die ungewollte Frucht zunächst mit Medikamenten oder Drähten zu beseitigen versucht hatten. Fast alle waren abgemagert und anämisch. Deshalb bekamen sie im Kollektiv Mikrotransfusionen. Immer fünf aus einer Konserve. Für Einwegspritzen war der Sonnenstaat zu arm, für Aids-Tests zu sittenstreng. Zehn Kinder kamen auf eine Nadel. Ob hier die Spritze infiziert oder dort eine Konserve verseucht war, wird niemand je erfahren.

Das war die Zeit Ceausescus, gut, daß sie vorbei ist. Leider nicht für alle.

Die meisten Rumänen verdrängen, daß weit über die Hälfte aller in Europa gemeldeten aidskranken Kinder in ihrer geschundenen Heimat leben. Nur 350 betroffene Erwachsene sind dort registriert - aber 3500 Kinder. 1750 Jungen und Mädchen kommen noch hinzu, deren HIV-Infektion das Immunsystem bisher nicht zerstört hat. Jede Woche melden die größeren Städte zwei bis drei Fälle. Kinder! Im Alter von vier bis elf Jahren.

Am Umgang mit den lebenden, den sterbenden und den toten Kindern zeigt sich, daß Ceausescus Erbe noch fortwirkt in vielen seiner Landsleute. In einer mit Formalin gefüllten Grube im Hof eines Hospitals in Cluj (Klausenburg) haben Arbeiter vor nicht langer Zeit 47 kleine Leichname entdeckt. Die meisten stammen offensichtlich von Findelkindern, die Anfang der neunziger Jahre von ihren Müttern im Krankenhaus hinterlassen worden waren. Geburtsurkunden existierten nicht. Die Ärzte erklärten, diese Form der Bestattung sei bei Findelkindern üblich und legal denn Mittel für ihre Beerdigung gebe es nicht. Der Bürgermeister entgegnete zwar, daß Gelder für diesen Zweck im Budget eingeplant waren. Wahr aber ist: Das rumänische Recht regelt die Bestattung mittelloser Kinder bis heute nicht.

Auch 1996 blieben wieder über tausend Neugeborene in den Entbindungsheimen zurück. Nicht mehr als eine Mark pro Tag wird der Staat für ihre Ernährung aufbringen. Austerity-Politik. Sie war unaufschiebbar. Die neue Führung unter Präsident Emil Constantinescu hatte keine andere Wahl mehr. Und es sind auch nicht nur die materiellen Voraussetzungen, die zur Linderung der Kinder-Katastrophe fehlen. Es sind ebenso die mentalen und professionellen Bedingungen.

Ceausescu hatte den Beruf des Sozialarbeiters 1969 abgeschafft. Heute weiß Rumäniens unausgebildetes Pflegepersonal mit den Kindern und Jugendlichen in den Gruppenräumen den Tag über nur selten etwas anzufangen. Von der Universität kommen jetzt zwar die ersten Sozialassistenten. Doch diese absoluten Berufsanfänger - so urteilt die Berliner Kinder- und Jugendexpertin Hanna-Elisabeth Deußer in einem gerade fertiggestellten Bericht an den Europarat - treffen auf eine derart schwierige soziale Situation, daß selbst erfahrene Experten überfordert wären.

So bleiben viele Kinder wie unter Ceausescu Gefangene der Krippen. Bis sie eines Tages in den Straßen und an den Bahnhöfen auftauchen. Diese Kaspar Hausers der Euro- und Technowelt werden am Ende nur von Concordia, Salva÷ti Copiii, Children in Distress und ähnlichen Organisationen aufgefangen. Wenn sie Glück haben. Die große Mehrheit hat auch da kein Glück. Die Mittel aus den bescheidenen Spender- und Förderkreisen sind beschränkt.

Wer vom Bukarester Bahnhof kommt, glaubt am Rand des Dorfes Aricesti Rahtivani Ohren und Augen nicht zu trauen. Diesmal sitzen uns die Kinder im Nacken. Huckepack. Schreien auch mir ins Ohr: "Mami, Mami, wer bin ich?"

Halten uns die Augen zu. Wenn der Blick wieder frei wird, weil wir die gängigen rumänischen Vornamen aufgezählt haben, liegen da zehn gepflegte kleine Häuschen, ein paar Verwaltungsschuppen, eine Sporthalle, eine winzige Kirche. Hühner, Schafe, Schweine, Kühe, Pferde.

Die Farm! "Grüß Gooatt!" "Hello Sörr!" "Bong Soi!" Sozialarbeit aller Länder - vereinigt in den aufgeschnappten Fetzen des Kindergeschreis. "Zwei Ferkel sind tot, aber sechs leben", vermelden sie das Neueste vom Tage.

Landwirtschaft für Therapie, Ausbildung und Selbstversorgung.

Lehrwerkstätten. Die Bäckerei, sechs Straßenkinder vom ersten Jahrgang haben sie 1996 mit dem Bäckerdiplom verlassen. Drei fanden bisher eine angemessene Arbeit. Auf Dauer kommen zwar nicht alle Kinder ohne die existentielle Spannung der Überlebenskriege am Bahnhof aus. Doch die meisten der siebzig Jungen und Mädchen gehen ganz in ihrer Farm auf.

Der Triumphzug führt über die "Dorfstraße", die von den Kindern mit Steinen aus dem karstigen Fluß in den Kolchosemorast gepflastert worden ist. Peter und der Wolf. Die Flinken und Gewieften wollen mit Ruth an der Spitze des Zuges ziehen. Die Linkischen und Behinderten möchten sie bei sich im Troß halten. Valentina, das kleine Zigeunermädchen, Stefan, der blonde Moldawier, immer mehr Kinder kommen mit schnell gepflückten Feldblumen.

Sie wollen ihre Domizile zeigen. Haus "Caroline". Haus "Wien". Haus "Erzengel Michael". Alle gleich schlicht und doch wie kleine Museumsstücke. Junge Berliner Architekten, von denen einer bei Concordia mitarbeitete, haben sie im lokalen walachischen Stil entworfen. Jedes Haus hat einen großen Kachelofen, einen langen Wintergarten, eine Lobby, wo gegessen und gespielt wird, zwei Zimmer mit vier Betten, einen Erzieher. Und einen strikten Stundenplan für die ehemaligen Straßenkinder. Um 6 Uhr raus, erst in die Landwirtschaft, dann in die nahe Dorfschule. Um 22 Uhr geht das Licht aus.

Fünfzehn Erwachsene verwalten die Farm ehrenamtlich, zwanzig Mitarbeiter aus dem Dorf kommen hinzu. Die Farm ist kein Paradies von Gottes Gnaden. Wie heute ganz Rumänien hängt sie von der Außenwelt ab. Von den fernen Investoren, dem Concordia-Fördererkreis, den Engagement und glücklicher Zufall zusammengeführt haben. Vom nahen Dorf. Und davon, daß ein einzelner, wie Ruth es formuliert, "immer an die Grenzen geht" - in ihrem Fall "nach dem Vorbild des heiligen Paulus".

Der Polizist wartet schon. Aufregung um einen elfjährigen Jungen aus dem Dorf. Die Mutter war gestorben. Der Vater, früher bei der Securitate, prügelte ihn, hängte ihn an den Beinen auf, erzwang, daß sein eigenes Kind als schwerer Fall in ein Straferziehungsheim sollte. Der Junge flüchtete auf die Farm. Standhalten oder ausliefern? Der Vater zog vor Gericht, zerrte das Kind prügelnd davon. Die Scherereien gehen weiter, der Polizist holt Erkundigungen ein.

Die Dorfbewohner haben anfangs überhaupt nicht verstanden, daß sich fremde Menschen um verlassene Kinder, die abandona÷ti, kümmern. Rumänien nach dem Sturz Ceausescus war ein Land der grande peur, der panischen mündlichen Überlieferungen - wie einst die französischen Dörfer nach dem Sturm auf die Bastille.

Gerüchte umkreisten die Kinderfarm wie Schakale. Ein Spionagenest? Ein Terroristencamp? Zumindest Missionare einer fremden Religion. Da kam ein bärtiger rumänischer Gottesmann, Parintel Justin, ein prächtiger orthodoxer Pfarrer, segnete die Häuser und die katholische Kapelle, die die Kinder mitgebaut hatten, jagte den Dorfspuk davon.

Als der große, furchtbare Spuk des Ceausescu-Regimes zu Ende war, unter dem es keine einzige eigenständige Bürgerinitiative gegeben hatte, gründeten Rumänen im April 1990 die allererste nichtregierungsamtliche Organisation.

Nach schwedischem Vorbild schufen sie Salva÷ti Copiii mit der engagierten Exökonomin Gabriela Alexandrescu als Managerin.

Die Rettungsstation mit fünfzehn Angestellten im Bukarester Zentrum und einem Dutzend Trabanten im Lande kümmert sich um Straßen- und aidskranke Kinder, um Jungen und Mädchen in Nöten (durch Scheidungen etwa) und um Begabtenförderung. Ihr besonderes Ziel - in Zusammenarbeit mit der Unicef - ist die Reintegration von Kindern in Familien. Dahin soll Casa Gavroche, ihr Bukarester Zentrum für Straßenkinder, führen. Die meisten von ihnen, die Sozialhelfer in das Haus geholt haben, können weder lesen noch schreiben.

Soziale und moralische Regeln sind ihnen nahezu unbekannt.

Die dreijährige Joana hat einen arabischen Vater, der fünfjährige Jasmin wohl eher einen rumänischen. 1990 war ihre damals etwa dreißigjährige rumänische Mutter mit drei Kindern und hoch schwanger irgendwie nach Berlin geschlüpft.

Dort brachte sie dann Joana und Jasmin zur Welt. Mit den Kindern im Sechserpack ist sie 1994 abgeschoben worden. Papiere konnte sie in Rumänien nicht vorweisen. Wer Joana und Jasmin heute sieht, glaubt ohnehin, daß sie nur aus einem Bilderbuch stammen können.

Der Junge vorne am Fernsehgerät ist vor einigen Monaten angekommen. Er hatte zuletzt nur noch mit Hunden zusammengelebt. Andere Kinder quälten das kleingewachsene zwölfjährige Waisenkind johlend, weil es wie ein Hund in die Defensive ging und zu beißen versuchte. Raducu, wie sie ihn in Casa Gavroche jetzt liebevoll nennen, konnte anfangs nicht am Tisch essen und keine Toilette benutzen. Worte brachte er nur schwer und kehlig heraus. Aber Raducu möchte inzwischen schreiben und lesen. Auf seine Fibeln und Hefte angesprochen, wuselt er los und kriecht auf der Suche wie ein Hund unters Bett.

Alle kleinen und größeren Wunder, welche die Frauen von Casa Gavroche vollbringen, sind vertan, wenn die Kinder wegen Überschreitung der Altersgrenze von vierzehn Jahren in die staatlichen Waisenhäuser sollen. "Wir müssen", sagt Gabriela Alexandrescu, "um jeden Preis Familien für die Kinder finden. Die staatlichen Heime werden sie von neuem verderben. Doch die Gastfamilien, die wir suchen, brauchen mehr Beihilfe als umgerechnet zehn Mark monatlich, die der Staat ihnen für die Übernahme eines Kindes zahlt. Die Mittel können auch wir ohne zusätzliche Spenden nicht aufbringen."

Ramona ist siebzehn Jahre alt, blaß, still, bescheiden. Sie sitzt mit großen, fragenden Augen auf einem Stuhl an der Wand. Die Frauen von Casa Gavroche beraten verzweifelt, wie sie ihr helfen können. Ramona war einmal ein Straßenkind. In den vergangenen drei Jahren hatte sie im staatlichen Übergangsheim Pinocchio alles getan, um nie wieder in den Sumpf zurückzumüssen. Aus der Oberschule brachte sie überdurchschnittliche Noten mit. Dann plötzlich machten die Behörden eine entfernte Tante der Waise am anderen Ende des Landes aus. Polizisten von dort kamen angereist, verfrachteten Ramona in den Zug, ohne sie in Bukarest von der Schule abzumelden, und setzten sie der Tante in Temesvar vor die Tür, ohne sie dort anzumelden.

Die fremde Tante hatte keinen Quadratmeter Platz über. Eine Woche irrte Ramona wieder durch die Straßen. Dann fuhr sie schwarz nach Bukarest zurück, weil sie unbedingt wieder in ihre Schule wollte. Wohin mit Ramona, wohin mit Rumäniens Kindern?

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat sich 1995 schon einmal aus dem Land zurückgezogen. Sie begründete diesen Schritt damit, daß die Regierung in "unerträglicher Weise" an der "institutionellen Bewachung" der Kinder festhalte, statt eine Sozialpolitik zu fördern, die mehr Familien ermutigen würde, ihre Kinder aus Kliniken und Heimen nach Hause zu holen.

Ein Europa ohne Grenzen wird sich nicht mehr zurückziehen können, wenn die Kinder Rumäniens und anderer osteuropäischer Staaten an mehr und mehr Bahnhöfen auftauchen. Von Bonn aus hat die Unicef jüngst appelliert, Mittel- und Osteuropa entschiedener bei der Entwicklung einer vorbeugenden Sozialpolitik zu helfen. Das kam keine Minute zu früh.