Das neue Hotel "Adlon" ist ein Lückenfüller und das in dreifacher Hinsicht: als Platzecke, als "historischer" Bau und als Erzählung. Darum muß man erstens über Städtebau, zweitens über Architektenhandwerk und drittens über die Sehnsucht reden.

Der Städtebau scheint das einfachste zu sein. Denn eigentlich hatte man ideale Voraussetzungen: die Tabula rasa, die Krieg und Mauer hinterließen.

Mehr noch, ein erstklassiges Denkmal war auch noch da, das Brandenburger Tor.

Aber damit begannen die Schwierigkeiten. Das nun frei gestellte Monument hatte seine Aufgabe nur zu gut erfüllt. Es machte eine Karriere als Symbol, mußte weit mehr können als früher, als es bloß vornehmer Stadteingang war, mußte nun plötzlich die gespaltene Nation verkörpern und stand doch so alleine und unerreichbar da. Das Tor war größer geworden, einmal weil es nun die Rolle "Deutschland schlechthin" spielen mußte, zum andern aber auch, weil es zum ersten Mal in seinem Leben frei stand. Aus einem Durchlaß war ein Denkmal geworden.

Nach der Wende waren sich alle einig: Der Pariser Platz muß wieder her, die Lücke im Stadtbild muß geschlossen werden. Das eingängige Wort vom städtischen Empfangssalon ertönte. Nur, was ist denn ein Salon? Ein größeres Wohnzimmer mit Konversation, etwas Intimes, Privates, Gepflegtes? Jedenfalls ist der Salon kein Thronsaal, keine Reithalle, kein Theaterfoyer. Das beschwichtigende Geschwätz vom Salon überdeckte nur die Gier, die das leere Feld auslöste. Beute machen! Wie immer nach dem Fall von Stadtmauern.

Aber ein Platz sollte es doch wieder werden, das ist Bestandteil der Standortgunst, wenn möglich so geschlossen wie früher. Und was war es denn gewesen? Ein Konglomerat, zusammengehalten durch den Historismus. Keineswegs einheitlich, keineswegs stilrein, keineswegs erstklassig. Nur die Grundrißfigur, das Quadrat als Torplatz, das war großartig. Daß der Platz heute in einer verwaschenen Erinnerung den Nostalgikern wie aus einem Guß erscheint, das macht die Macht der Konvention. Der Historismus der ersten Gründerjahre gehorchte den Regeln der akademischen Architektur. Die bürgerliche Baukunst hatte bei aller Formenvielfalt eine vereinheitlichende Kraft.

Doch die bürgerliche Baukunst ist mausetot. Was am Pariser Platz trotz aller Satzungen und trotz aller Bemühungen der berühmten Architekten Behnisch, Gehry, Kleihues, Kollhoff, Ortner, Portzamparc und der weniger berühmten anderen entsteht, ist ein Investitionsprogramm. Im Salon mußte man sich zu benehmen wissen. "Aber von Leuten, die nicht wissen, wie man einen Kapaun zerlegt", könnte eine Figur Fontanes gesagt haben, "ist im Bauen ja auch kein Anstand zu erwarten." Übersetzt man Anstand mit Konvention, so kann man diese Konvention nicht durch Vorschriften erzwingen, dazu brauchte es eine selbstverständliche Übereinkunft, was schicklich ist und was nicht.

Eines aber haben die Beutemacher erreicht: höhere Ausnutzung. Die ursprünglichen Vorstellungen von zehn Meter Traufhöhe an den Längsseiten und dem Freistellen des Tores, die sich an dem einst klassizistischen Platz orientierten, hielten dem Investorendruck nicht stand. Die Mauern um den neuen Pariser Platz werden zu hoch. Das Hotel "Adlon" gibt bereits ein Muster ab. Es klotzt in der Ecke, sonst wäre städtebaulich nichts dagegen zu sagen.

Schlimm sei dieser Neubau und das Ende der modernen Architektur in Berlin, hört man im "Sale e Tabacchi" und in der "Paris-Bar" die Architekten klagen.

Und es folgt die Beschreibung des Übels in Worten der Entrüstung. Beim genaueren Zuhören aber ist es interessant, wie wenig da architektonische Argumente vorgebracht werden. Da es sich um einen "historisierenden" Bau handelt, gibt es nur noch ja, ja und nein, nein. Schon wieder eine deutsche Schicksalsfrage! Kaum jemand ist in der Lage, sich zu fragen, ob es auch ein gutes Stück Historismus sei, so weder die, die es blindlings verdammen, noch die, die es, ohne hinzusehen, loben.

Historismus ist ein Stil, und Neohistorismus scheint in Berlin den Zeitgeist auszudrücken, und der fragt nie um Erlaubnis. Warum aber darf dieser Neohistorismus so rachitisch und verkrüppelt daherkommen? Adolf Loos hat behauptet, ein Architekt sei ein Maurer, der Latein gelernt habe. Das neue "Adlon" beweist, daß seine Architekten Patzschke, Klotz & Partner ihr Architektenlatein nicht können. Jeder vom Spekulationsfieber der Wilhelminischen Gründerzeit geschüttelte Baumeister hätte sich geschämt, eine so fehlerstrotzende Fassade abzugeben. Sein Handwerkerstolz hätte ihn davor bewahrt.

Um dies zu beweisen, genügt ein Bildvergleich. Das alte "Adlon" der Architekten Gause und Leibnitz aus dem Jahr 1907 war sicher kein baukünstlerischer Höhepunkt der Reichshauptstadt. Man hatte sich mit angelerntem architektonischem Handwerk begnügt. Das Einhalten der Regeln garantierte damals noch einen akzeptablen Bau. Zum Beispiel: Mache einen Sockel, darüber Geschosse und dann ein Dach. Trenne die drei Zonen im Material und mit Gesimsen. Das ist elementar und gehört zum selbstverständlichen Baumeisterwissen.

Was machen die Kollegen fast hundert Jahre später? Sie können sich nicht entschließen, bleiben lau und lavieren. Ihr Sockel ist zwar auch rustiziert, aber nur so ein bißchen ein Gesims gibt's darüber auch, aber nur so ein Fädchen dann folgt ein gedrücktes Zwischengeschoß, das wiederum mit einem dünnen Steinstreifen abgeschlossen wird. Es folgen drei Vollgeschosse und darauf ein durchgehender französischer Balkon. Das Geschoß darüber gehört zur Fassade, nicht zum Dach, darum ist der Balkon auch nicht das Hauptgesims wie beim Vorgängerbau. Ein solches fehlt, denn das Dachgesims ist wiederum nur ein schwacher Streifen. Als Ersatz für eine klare Gliederung werden wir mit einer Unzahl von Fensterformaten entschädigt und mit einem Mittelrisalit, der sich vor sich selber schämt, so mickrig steht er vor. Dabei muß er einer viel breiter gewordenen Fassade einen Halt geben als früher, denn das Nebengrundstück der einstigen Konkurrenz gehört heute auch zum "Adlon".

Soviel genügt schon. Adolf Loos also hat behauptet, der Architekt sei ein Maurer, der Latein gelernt habe. Diese Architekten aber haben nur einen Schnellkurs in Dekorationskunde absolviert. Die Stadt und das Publikum haben ein Recht, von ihren "historischen" Architekten Besseres zu verlangen. Was hier als dem "Original nachempfunden" hingebaut wurde, erfüllt nicht einmal die Anforderungen der Baufibeln für Handwerkerschulen von einst. Wenn schon "historisch", dann mit Bildung. Heute muß diese Sorte Maurer zuerst wieder Latein lernen, bevor sie nachempfindet. Es ist zu billig, den Berliner Neohistorismus einfach zu verdammen, gebaut wird er trotzdem. Aber: Auch Neohistorismus will gelernt sein, und seine Bildungsregeln müssen eingehalten werden. Not tun bessere "historische" Architekten.

In welchem Stile sollen wir bauen? Diese Frage haben Ezra Attia aus London und Lars Malmquist aus Stockholm, die den Innenausbau besorgten, mit dem Genie der Lieferanten beantwortet: im Stile Louis Toujours. Fürstlich irgendwie. Sein Hauptmerkmal ist die Materialopulenz. Was teuer ist, muß schön sein. Dieser Grundsatz reicht aus, ein ganzes Luxushotel auszustatten.

Mehr ist nicht gewollt, denn das Prinzip Dekoration verdrängt das Prinzip Raumbildung. Es gibt einen ausgeklügelten Grundriß auf einem verzwickten Grundstück, aber es gibt keine Räume.

Oder doch? Was ist mit der Hotelhalle, was mit den beiden Wintergärten, was mit dem Ballsaal? Sie alle haben Ausmaße, aber keinen Atem. Allen hat man an Höhe genommen, was man ihnen an Dekoration aufgebürdet hat. Das Hotel "Adlon" ist die dichtest mögliche Nutzungspackung, da bleibt kein Raum für lichte Säle und großzügige Hallen. Eine große Treppe zum Beispiel muß ein "Adlon" haben, das gehört zur Grundausstattung eines Luxushotels. Leider hatte die Prachtstiege nur noch seitlich und abseits Platz und ist mit der Hotelhalle architektonisch nicht verbunden. Wie soll darauf je ein großer Auftritt stattfinden können? Man hat die betrieblich notwendigen Quadratmeter bewilligt, aber die für die Vornehmheit nötigen Kubikmeter gespart. So ist das eben: Neureiche prunken mit Oberflächen, vornehme Leute haben Räume.

Es gibt zum Beispiel im ersten Stock eine Bibliothek, genauer ein Stück Nutzfläche, dessen Wände mit Büchern bedeckt sind. An der Decke ein Gemälde, ein Blick in einen offenen Himmel, auf dessen Wolken sich halbnackte Antikenwesen tummeln. Ein Bild, dem Barock "nachempfunden", wie es in einem Lustschlößchen das Treppenhaus hätte zieren können. Im Treppenhaus allerdings ist der Raum über sechs Meter hoch, in der Hotelbibliothek nur knapp drei Meter. Im einen Fall sieht man ein Gemälde, im andern Farbflecken. Und trotzdem ist der Hotelprospekt auf sein Deckengemälde besonders stolz. Daß es da ist, genügt Wirkung wird von ihm keine erwartet. Überhaupt, wo das Essen am teuersten ist, ist das Raumangebot am mickrigsten, in den Restaurants des ersten Stocks. Ein Kranz von Eßstuben versucht, großbürgerliche Stimmung zu verbreiten. Jeder Kommerzienrat hätte sich geschämt, eine Stube als Saal auszugeben.

Loben hingegen muß man die handwerkliche Sorgfalt, mit der alle Opulenz konstruiert und hergestellt wurde. Man spürt, das soll bleiben. Das Hotel "Adlon" hat sich auf ein langes Leben eingerichtet. Und es ist einfach, heute schon zu prophezeien, wie sehr auch die Architekten in fünfzig Jahren das "Adlon" als Zeitzeugen und echtes Stück Berliner Baugeschichte schätzen werden. Die Bürgerinitiative "Rettet das Adlon" wird dann von Architekten angeführt werden. Wo sich allerdings die Konstruktion unbeobachtet fühlt, da wird sie roh. Als Beispiel nur die Glasdächer über den Wintergärten: An die Stelle von Profilen treten Prügel wo eine filigrane Teilung hingehörte, gibt's Industriefenster. Loben muß man auch die Zimmer. Sie sind halb so verschmockt wie der Publikumsbereich und groß, genauer, auch hoch genug.

Selbstverständlich sind sie vollgestopft mit allen technischen Raffinessen.

Nur schlafen muß man noch selber.

Bleibt noch die Sehnsucht, und sie ist der Triebstoff des Hotels. In der geschundenen, zerstörten Stadt ist das Hotel "Adlon" ein Behälter für die Sehnsucht nach verklärter Geschichte. Die Kempinski-Leute, die es betreiben, werden nicht müde, den Gästen die Erzählung von Lorenz Adlon aus Mainz zu wiederholen, der mit allerhöchster Billigung das allerbeste Hotel baute, in dem die allerwichtigsten Herrschaften verkehrten. Wie es dann 1945 eine Woche nach der Stunde Null abgebrannt ist und wie es nun, wiederauferstanden von den Toten, das echte und nun ewige "Adlon" ist und bleibt.

Das ist zuallererst eine Lektion in Markenbindung. Hieße der neue Bau "Kohl", "Hackepeter" oder "Kaiserhof", er wäre ein anderes Hotel. Wie die abgebrannte Kirche das Heil auf die wiederaufgebaute überträgt, ist das neue "Adlon" durch apostolische Sukzession geheiligt. Alle Einwände prallen am Mythos ab, und je länger das neue steht, desto inniger wird es mit dem alten zusammenwachsen. Die fünfzig Jahre Brachfeld bleiben eine Episode.

Sollen sie auch bleiben, will die Sehnsucht. Sie sehnt sich nach Stil, sucht Vornehmheit, möchte aus guter Familie sein. Und das kann das "Adlon" bieten, denn hier ist der erste Hauptsatz der Sehnsuchtsarchitektur gebaute Wahrheit geworden: Marmor adelt. Wer hier Gast ist, wird mehr, wer hier ißt, nimmt das Abendmahl, wer hier schläft, wird geweiht. Die Reichen der Republik und ihresgleichen haben im "Adlon" eine Bühne. Das Stück ist eintönig, seine Charaktere sind blaß, aber seine Wirkung ist aufrichtend.

Auch der zweite Hauptsatz der Sehnsuchtsarchitektur ist hier verwirklicht worden: Holz macht alt. Die Wände und Möbel sind aus echtem Naturholz, das ja eine besondere Fähigkeit hat. Es kann Geschichte aufsaugen wie ein Schwamm.

Und wenn die Sehnsucht darauf drückt, fließt die Geschichte auch wieder heraus. Und im Hotel "Adlon" sondern die brandneuen Hölzer auch Geschichte ab. Es ist eine Beruhigungsmär. Jetzt, da alles wieder alt ist, raunen die Hölzer, sei doch alles wieder gut. Vom Hotel "Adlon" geht eine ungeheure Beruhigung aus. Sein neualtes Vorhandensein konstruiert eine Kontinuität, die die Zwischenzeit verschlingt. Keine Nazis, keine Bomben, keine Mauer, kein Kalter Krieg, nein, jetzt knüpfen wir wieder an, an die Belle Époque, an das bessere Preußen, an die goldenen zwanziger Jahre.

Und immer wieder Schinkel, als Stecher an den Wänden, als Maler an der Decke, als Teppichwirker und Tapetenkleber. Es gibt nichts in Berlin, das nicht mit Schinkel zu rechtfertigen wäre. Das Hotel "Adlon" ist der neu gebaute Beweis, daß es immer da war. Es ist ein Lückenfüller, es stopft das schwarze Loch zwischen '33 und '89. Und das darf nie mehr sichtbar werden. Das ist heute die Aufgabe des Neohistorismus.

Auch der dritte Hauptsatz der Sehnsuchtsarchitektur schließlich ist hier bewiesen: Geld macht sinnlich. Das Luxushotel ist ein Behälter der Lüste. Sie liegen hier zum Verkaufe aus. Und je teurer sie sind, desto mehr Genuß versprechen sie.

Das neualte "Adlon" weiß darauf auch eine architektonische Antwort. Es legt eine Sammlung vor, Bilder, Büsten, Trophäen. Was Fürst Neureich von seinen ausgedehnten Reisen heimbrachte, liegt und steht herum, Edelnippes. Die Stühle, Sessel, Sofas, Betten sind alle weich und nicht nur beim Kontakt mit dem Körper, sondern auch in den Formen. Der "Adlon"-Mythos zeugt sich fort, und der Blick an die Hotelfassade wird zur Projektion. Was die dort alles treiben, die Reichen und die Schönen! Und tief im Herzen sitzt die Sehnsucht, es ihnen gleichzutun.