Die Nachwelt neigt beim Tod eines bedeutenden Autors dazu, das Lebenswerk einer Abgeschlossenheitsprüfung zu unterziehen. François Furet bietet mehr als ein abgeschlossenes Werk. Er war auch ein Mann der politischen Debatte, ein Homme de lettres, ein streitbarer Europäer. Als er in Bremen den "Hannah Arendt-Preis für politisches Denken" entgegennahm, scheute er sich nicht, eine Debatte über den "negativen Nationalismus" der Deutschen zu beginnen. Es wollte ihm nicht einleuchten, daß der Verlust der nationalen Würde im Nationalsozialismus das letzte Wort in der deutschen Geschichte sein sollte. Intellektuelle Offenheit war es auch, von der sich Furet in seinen Forschungen zur Französischen Revolution leiten ließ. In "Die Französische Revolution" (zusammen mit Denis Richet; 1968) und "1789 Jenseits des Mythos" (1978) liegt eine ausgereifte Deutung vor: Die Französische Revolution war demnach nicht krönende Apotheose eines Kampfes des dritten Standes gegen das Ancien régime. Dieses war innerlich zerbrochen, lange bevor sich in Paris der dritte Stand erhob. Die Protagonisten der Revolution waren Idealisten und Universalisten, die einen neuen Typus von Politik "erfanden", die "Politik des Willens", des im Wortsinne totalen geschichtlichen Neuanfangs, dessen Opfer sie schließlich wurden.

Der Gedanke einer unvollendeten Revolution diente Furet als eine Art Ariadnefaden. "Ich träume", heißt es im ersten Teil von "Penser la Révolution Française", "von einer unendlich viel längeren Geschichte, die viel weiter stromabwärts geht und deren Abschluß nicht vor dem Ende des 19. Jahrhunderts oder dem Anfang des 20. Jahrhunderts anzusetzen wäre." Diesem Faden folgt Furet auch in seinem letzten Buch. Obwohl es keine neuen "Fakten" enthüllt, ist es insofern sensationell, als es nicht nur die Wirkung der großen Illusion Kommunismus, sondern auch ihre Entstehung aus der europäischen Geschichte zu verstehen sucht. Die ironische Anspielung auf Freuds bedeutenden Essay "Die Zukunft einer Illusion" (1927) konterkariert dessen Hoffnung, man könne Glaubensillusionen in eine innerweltliche Moral transformieren. Die Arbeit an der Zivilisierung dauere, so Furet, noch immer an. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der großen Illusion.

Den Kommunismus beschrieb Furet als Wiedergeburt intellektueller Träume der französischen Revolutionäre. Und im Spiegel der Oktoberrevolution wird die Französische Revolution zum Paradigma der Moderne. "Durch die Revolution versöhnt der moderne Mensch die Vorstellung, die er sich von seiner Autonomie macht, mit seinem Glauben an die Geschichte; es gelingt ihm, seinen Willen als Verwirklichung der Notwendigkeit zu feiern."

Unabgeschlossen wirkt Furets Werk, weil es in einen erbittert geführten Meinungsstreit eingreift, der seit 1917 (wenn nicht seit 1789) andauert und durch den Zusammenbruch des Kommunismus 1989 noch zugespitzt worden ist. Der Streit, der in Zeiten des Umbruchs als intellektueller Existenzkampf auftritt, erstreckt sich von ganz links bis ins liberale Lager. Es geht um das Interpretationsmonopol über die Frage, was eine "gute Gesellschaft" sei. Die Protagonisten des Streits sind Demokratie, Kommunismus und Nationalsozialismus (beziehungsweise Faschismus). So stößt Furet auf die Frage, wie die Demokratie gegen ihre Feinde geschützt werden könne. Wie kann man den selbstzerstörerischen Potentialen im Innern der demokratischen Gesellschaften entgegenwirken? Deshalb kann "Das Ende der Illusion" auch als Furets Versuch gelesen werden, nach vielen Jahrzehnten endlich zu verstehen, was ihn seinerzeit so "beseelt" hat, als er der Illusion des totalisierenden Denkens erlag. Furet, Jungkommunist der Nachkriegszeit, hat seinen Bruch schon 1956 vollzogen, und zwar weil er unverhofft begriff, daß im ungarischen Volksaufstand die zivile Bürgergesellschaft verteidigt wurde. Vergangene Woche ist er im Alter von 69 Jahren in Paris gestorben.