Im niedersächsischen Innenministerium herrschen keine neumodischen Vorstellungen über motivationssteigerndes Ambiente. Die Beamten arbeiten in einem schmucklos möblierten Betonklotz, 1953 gebaut. Zu Beginn der sechziger Jahre hat ein fortschrittlich gesinntes Regime einmal Kaffeetassen mit einem gewagten Blätterdekor angeschafft. Zwischen bräunlichen Vertäfelungen und düsteren Ölansichten seiner politischen Heimatstadt Braunschweig residiert in diesem Haus Gerhard Glogowski, der stellvertretende Ministerpräsident und sozialdemokratische Innenminister des Landes.

Sollte Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder eines nicht allzu fernen Tages seine Traumkarriere starten, wird der 54jährige Glogowski seine Nachfolge antreten. Das glaubt er selbst; das malen sich seine Mitarbeiter aus; so lautet auch die halboffizielle Sprachregelung aus dem Hause Schröder. Selbst Genossen, die über Glogowskis Aussichten nicht wirklich begeistert sind, ergeben sich dem Unausweichlichen mit niedersächsischem Pragmatismus. Der Landesverband der SPD sei eben autoritätsfixiert, "Glogo" zudem ein machtbewußter Elefant, der Leute noch nach zwanzig Jahren für mißliebige Äußerungen haftbar mache, heißt es kleinmütig bei der sonst wilden Hannoveraner Juso-Linken. Glogowski verleugne sich nicht, sei niemals Trends hinterhergerannt, habe eigene Positionen gegen Widerstände verteidigt und stets Berechenbarkeit gezeigt, sagt Heinrich Aller, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, auch ein Mann mit Ambitionen.

Konsequenz hat Glogowski allerdings nötig: Er vertritt, und das seit langem, politische Überzeugungen gegen die Mehrheit seiner Partei. 1983 stimmte er mit den letzten sechzehn Standhaften auf einem Bundesparteitag der SPD für den Nato-Nachrüstungsbeschluß; als Innenminister steht er für einen Kurs der inneren Sicherheit und Ordnung, der den grünen Koalitionspartner der Jahre 1990 bis 1994 schwer gequält haben dürfte. Nach den "Chaos-Tagen" von 1995 verschärfte Glogowski das niedersächsische Polizeirecht und sperrte die Hannoversche Innenstadt im vergangenen Jahr für unternehmungslustig aussehende Punks; er ließ den mit legalen Mitteln nicht zu verhindernden Castor-Transport nach Gorleben gegen gewaltbereite Demonstranten durchsetzen. Wenn er den sozialen Frieden in Braunschweig oder anderswo von kriminellen Ausländern bedroht sieht, ringt er nicht um politisch korrekte Formulierungen.

Er verletzt, ähnlich wie Gerhard Schröder mit seinen markigen Sprüchen über polnische Autoschieber und afrikanische Drogenhändler, linke Tabus, doch scheint ihm das in der Partei nicht wirklich zu schaden. Das mag an der Bodenständigkeit der niedersächsischen Sozialdemokraten liegen - und an Glogowskis Geschick, taktische Zugeständnisse zu machen. Die Grünen in Braunschweig wickelte er um den Finger, als er sich Ende der achtziger Jahre gegen ein Endlager für schwach radioaktiven Müll im Schacht Konrad engagierte; die Jusos loben, daß er ihrer Initiative zur Senkung des Wahlalters auf sechzehn Jahre zum Erfolg verhalf. Der niedersächsische Verfassungsschutz wurde unter seiner Ägide um die Hälfte reduziert. So werden linke Kritiker beruhigt, und "Glogo" führt seine harte Linie in wesentlichen Fragen unangefochten fort. Schröder müsse über ihn froh sein, sagt der ehrgeizige Bergsteiger Glogowski beim kalorienarmen Mittagsfisch: "Allein dadurch, daß ich da war, konnten die Jusos ihn als links bejubeln."

Ob er die Positionen des rechten Sozialdemokraten Glogowski auch richtig findet, läßt der "linke Pragmatiker" Aller höflich offen. Aller interessiert sich hauptsächlich für den "Dauerkonflikt im Sinne von Kalle Marx" - für die Frage nämlich, wieviel Einfluß die Politik auf die Produktionsverhältnisse behalte. Daß auch Gerhard Glogowski etwas für die Realität der Produktionsverhältnisse übrig hat, wird in seinem wirtschaftspolitischen Engagement deutlich. Darin unterscheidet er sich nicht sonderlich von dem heutigen Wirtschaftsförderer und früheren marxistischen "Antirevisionisten" Gerhard Schröder: In den Aufsichtsräten der Volkswagen AG, der Stahlwerke Peine/Salzgitter, der Stadtwerke Braunschweig, der Niedersächsischen Verfrachtungsgesellschaft, der Nord/LB und der Braunschweigischen Kohlebergwerke befaßt er sich ausgiebig mit dem Widerspruch von Kapital und Arbeit.

Unanständig bereichern kann er sich durch seine vielfältigen Mandate nicht. Das niedersächsische Ministergesetz kappt Nebenverdienste von über 10 800 Mark im Jahr. Doch die mächtigen Vorteile einer Ämterkonzentration sind dem "Löwen von Braunschweig", wie ihn Lokaljournalisten nennen, bekannt: Glogowski, der mit 23 Jahren Ratsherr, mit 29 Oberbürgermeister wurde, wirkt heute nicht nur als Innenminister für sein Land, sondern auch als Mitglied der Ratsversammlung und Landtagsabgeordneter für Braunschweig; er ist SPD-Bezirksvorsitzender und stellvertretender Landesvorsitzender, vertritt seine SPD-Basis auf Bundesparteitagen und im Parteirat.