Der Morgen des 26. Mai war der Beginn meiner Reise ins Nichts. Dabei fing alles ganz harmlos an. Im Internet fragte die Londoner Nachrichtenagentur Reuters: "Klimaerwärmung alles Einbildung?" Es wurde ein gewisser Nigel Calder zitiert, der ein neues Buch geschrieben hat: "The Manic Sun" (Pilkington Press London 1997, deutsche Ausgabe "Die launische Sonne" im Böttiger Verlag, Wiesbaden voraussichtlich ab Oktober 1997 im Handel) - die verrückte Sonne. Aha, also ein Verrückter. Normalerweise hätte ich gleich weitergeklickt. Aber der Name: Calder?

Was er laut Reuters so zu sagen hat: Die Klimaschwankungen der Vergangenheit gingen hauptsächlich auf Sonnenstrahlung zurück, und die ändert sich zyklisch. Die Klimaforschung habe jene Erklärungen sträflich vernachlässigt, die von der Treibhausthese abweichen, lautet Calders Vorwurf. Aha. Das sagen doch auch diese finsteren Kohle- und Autolobbyisten in Amerika. Calder? Woher kenne ich bloß diese Hyäne? Das Archiv bringt Aufklärung: Nigel Calder ist angesehener Wissenschaftsautor in Großbritannien. Sapperlot, was geht hier vor? Will der uns etwa die Klimakatastrophe kaputtmachen? Gehen wir dennoch jeder Spur noch einmal sorgfältig nach:

Sommer 1988. In Washington köchelt das Thermometer bei 40 Grad Celsius. Nasa-Forscher James Hansen klärt einen Ausschuß des Senats der Vereinigten Staaten über den Treibhauseffekt auf. Zuerst die gute Nachricht: Wasserdampf, aber auch Spurengase wie Kohlendioxid (CO2) absorbieren die Sonnenstrahlen in der Erdatmosphäre und ermöglichen das Leben - sonst wäre es auf Erden minus 18 Grad kalt. Und dann die schlechte Nachricht: Die heißen Sommer der achtziger Jahre seien auf einen "zusätzlichen vom Menschen verursachten Treibhauseffekt" zurückzuführen, und zwar "mit 99prozentiger Sicherheit". Ursache sei die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. 24 Stunden später steht die Story auf der Titelseite der New York Times. Der damalige Senator Al Gore spricht von der "Kristallnacht vor dem Treibhaus-Holocaust".

Und die Uno sieht endlich einmal die Chance, die Menschheit zu retten, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern. Sie gründet das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC. Zwei Dutzend Staaten beauftragen 170 Wissenschaftler, die Treibhausgefahren abzuschätzen. Geballter Sachverstand befindet: Der Erde steht eine Erwärmung von bis zu 8 Grad bevor. Bis Ende des 21. Jahrhunderts sei das Treibhaus komplett: Big Bang.

Die deutlichste Treibhausfolge ist ein warmer Regen: Geld ergießt sich über wissenschaftliche Eliteeinheiten in Deutschland, Großbritannien und den USA. In Hamburg wird das Max-Planck-Institut für Meteorologie zum Deutschen Klimarechenzentrum gerüstet, das britische Meteorological Office nennt seine Klimaretter Hadley Centre for Climate Prediction and Resarch. In den USA bekommt das Lawrence Livermore National Laboratory schöne Großrechner. Die sind gleichsam die Jäger 90 des Klimafeldzuges: teuer und absturzbedroht. Sie sollen den Luftkampf mit den Treibhausgasen durchspielen und Aufschluß über das Klima der Zukunft geben.

Zum Umweltgipfel von Rio 1992 einigt sich das IPCC diesmal auf eine mittlere Katastrophe: Das Klima werde zum Ende des nächsten Jahrhunderts bis zu sechs Grad wärmer - das ist zwar weniger als zuvor geschätzt, aber immer noch mehr als genug. Es entstehen neue, inzwischen vertraute Bilder: Pole schmelzen wie Mövenpick-Eis, dem Kölner Dom steht der Rhein bis zu den Turmspitzen, in Moskau tummeln sich Krokodile. Die letzte Grillparty der Wohlstandsgesellschaft ist anberaumt.