Die Pausen-Peristaltik der Festgäste in der Winterreitschule: ganz wie immer in Salzburg zur Festspielzeit, ganz wie gehabt. Die Massen schieben sich und werden geschoben. Man kreist, man trifft sich. Die Gesichter: bekannt. Die Gefühle: gemischt. Das perlende Pfützchen an der Champagnerbar: womöglich noch teurer als letztes Jahr. Die Canapés: noch winziger. Der Tratsch: noch giftiger. Hat sich Klima, der österreichische Kunstkanzler, bei der Festspieleröffnung wirklich versprochen, hat er denn tatsächlich von den "Exkrementen der Kunst" geredet?

Das ganze Hintenherummel der Festspiele, all die kolportierten Nichtigkeiten: so wichtig wie seit jeher. Die Eitelkeitsparade nimmt jeder jedem ab. Und wer hat die größte Frisur im ganzen Saal? Immer noch der Schneider aus München mit seiner unglaublichen Lack-Skulptur auf dem Kopf? Oder vielleicht doch die Dame aus New York, ganz Rabenmähne mit weißer Riesensträhne.

Apropos Susan Sontag. Der Dalai Lama hat's getan, und der Bankier Abs. Warum also nicht Susan Sontag, eines schönen Tages? In diesem Jahr allerdings ist Christoph Ransmayr an der Reihe. Anlaß und Ort bleiben gleich - die Salzburger Festspieleröffnung in der Felsenreitschule -, der Festredner wechselt. Auch wenn das Fest dem Redner nichts sagt, fest reden läßt sich immer. Der Mönch aus Tibet, der Geldherr aus Frankfurt, der Weltwanderer-Autor mit Wohnsitz Irland - keiner wird behaupten wollen, diese drei hätten mit den Salzburger Festspielen viel im Sinn gehabt. Und doch haben sie offen geredet.

Den Salzburgern gilt das gleich. Das Jahr über ist Salzburg eine Provinzmetropole, selbstbezogen und selbstzufrieden: die Stadt mit den meisten Millionären Österreichs. Im Sommer soll sich die Altstadt bezahlt machen. Salzburg hat seine Altstadt entkernt und zur Kulisse entleert. Jetzt wird die Attrappe konserviert und die Fassade vermarktet.

Nur im Sommer wird Salzburg weltläufig. Der Festival-Motor springt an, und Salzburg springt auf. Die Festspiel-Prominenz reist an und weilt und will hofiert sein. Die Stadt steht zu Diensten: Sie dienert und hält die Hand auf. Sie schmückt sich mit dem Namensglanz ihrer Gäste wie ihrer Ruhmredner. Sie will ihren Wert bestätigt hören, aus prominentem Munde. Große Worte von weit her, erbaulich und live übertragen: Das muß schon sein. Das reicht doch zur Legitimierung der Festspiele. Oder?

Allharmonisch tönte einst der Dalai Lama, allumfassend der Bankier. Der eine versöhnte in seiner Rede Buddha und Mozartkugel, der andere Hochfinanz und Hochkultur. Und die Stadt war's wieder einmal zufrieden. Ransmayr hielt es anders. Der Weitgereiste nahm einen Umweg. Er ging außen herum. Seine Rede ist eine Reiseerzählung, die Salzburger Festspiele kommen darin nicht vor. Der Festredner dieses Sommers ist ein Naturbursch. Naturgemäß sang er das Lob eines Naturschauspiels. Er brachte Kunde von seinem höchsteigenen Privatfestspiel, einer Viehweide hoch über den Klippen der südirischen Atlantikküste. Die pries er dann als "Eine Bühne am Meer".