Gestern habe ich Asperns Nachlaß gelesen. Nein. Er schreibt mit einer sehr spitzen Feder, und die Tinte ist sehr blaß und er hat nur wenig davon in seinem Tintenfaß", urteilt Vladimir Nabokov am 28. November 1941 über "Asperns Nachlaß", den zu lesen sein Freund und Mentor Edmund Wilson ihm ans Herz gelegt hatte. Gut hundert Jahre nach ihrem Erscheinen (1888) hat der deutsche Leser erneut Gelegenheit, diese Erzählung von Henry James kennenzulernen - und Nabokovs Urteil zu überprüfen.

"Im übrigen hätte er den Nachweis erbringen sollen, daß Aspern ein guter Dichter war", fährt Nabokov fort. Im "notebook" erzählt James einer Bekannten in Florenz die Anekdote, wie eine Nachfahrin Byrons den Mut gehabt habe, einen Brief des Romantikers zu verbrennen, weil er "schockierend und undruckbar" gewesen sei. Wenig später wird James die Geschichte eines amerikanischen Verehrers von Byron und Shelley zugetragen, der sich im Haus der hochbetagten Claire Clairmont, einer Verwandten Mary Shelleys, eingemietet hatte, um, koste es, was es wolle, an die nachgelassenen Papiere der vergötterten Dichter zu gelangen. Als die alte Dame stirbt, wähnt der forsche Zimmerherr sich schon am Ziel seiner Wünsche, doch will die nicht mehr ganz junge Nichte der Clairmont die Papiere nur herausrücken, wenn er sie heirate. Der Amerikaner schreckt zurück. "Da steckt doch ein kleines Sujet drin", notiert James in sein "notebook", "das Bild der beiden verwelkten, schrulligen, armen und diskreditierten englischen alten Damen - aus einer überlebten Generation, in ihrer muffigen Ecke in einer fremden Stadt - mit diesen erlauchten Briefen als ihrem kostbarsten Besitz." -

"Asperns Nachlaß" war geboren.

Und Henry James entfaltet die Erzählung, als wäre sie ein Abenteuerroman - mit den Zügen eines Krimis: Eine "vollkommen unabhängige und unverantwortliche Geschichte" nennt James sie im Vorwort. Der Protagonist - das ist James' wunderbarer Trick - ist seine Geschichte selbst: Sie muß zahlreiche Abenteuer bestehen und etliche Gefahren überwinden, ehe sie siegreich wie ein Held daraus hervorgehen kann.

"Der Stil ist artistisch, aber es ist nicht der Stil eines Künstlers", schreibt Nabokov an den sichtlich perplexen Edmund Wilson - und wartet dann mit einem so verblüffend gewöhnlichen Detail auf, daß man fast vermuten darf, James selbst habe diesen Köder eigens für den "Russian emigré" (und nur für ihn) ausgelegt: "Ein Beispiel: der Mann raucht im Dunklen eine Zigarre, und jemand anderes sieht von seinem Fenster aus die rote Spitze. Bei Rote Spitze denkt man an einen roten Stift oder einen sich leckenden Hund, es ist aber einfach falsch, wenn man es auf die Glut einer Zigarre im Stockdunkeln anwendet, weil es keine "Spitze" gibt: die Glut ist nämlich stumpf. Er aber dachte, die Zigarre habe eine Spitze und malte die Spitze dann rot an - ganz wie jene falsche Zigaretten - Mentholstäbchen mit dem "glimmend" aussehenden Ende -, wie angeblich Leute sie benutzen, die das Rauchen aufgeben wollen.

Henry James ist entschieden etwas für Nichtraucher." Und mit einem Seitenhieb gegen Turgenjew beendet Nabokov seinen Detail-Verriß und stellt James übertrieben gelangweilt in das Regal jener Autoren, die (unausgesprochen) dem omnipräsenten Tolstoij nicht das Wasser reichen können: "Er hat Charme (wie die schwache blonde Prosa Turgenevs), das ist aber auch alles."

Doch ist es nicht dieses Detail, an dem der mutmaßliche Held in der Geschichte von James scheitern wird. Der raffgierige Ich-Erzähler entpuppt sich, nachdem sein coup de théâtre - der nächtliche Diebstahl der Papiere - vereitelt worden ist, als gemeiner Krimineller. Seine endgültige Niederlage erleidet er, als die einzige Erbin, Tina, ihm die Papiere nur unter der Bedingung der Heirat zu überlassen bereit ist. Nachdem er nicht sofort und bedingungslos einwilligt, muß er erfahren, daß die Verschmähte die Papiere - eins nach dem andern - verbrannt hat.