Wer's nicht weiß, läßt sich am ersten Morgen in aller Herrgottsfrühe überlisten. Glaubt höhnisches Gelächter alter Männer zu hören, rennt schlaftrunken auf den Balkon hinaus und sieht, wie die Schuldigen, ein paar dickleibige, braungrau gefiederte Möwen, kichernd von der Balustrade abheben.

Es ist knapp sechs Uhr. Unten am Strand ziehen bereits Traktoren mit Rechen ihre Bahnen, Frauen sammeln auch die letzte Kippe ein.

Blau der Himmel, goldgelb der Sand, blaugrün und glatt wie eine Tischdecke das Meer in der Morgensonne. Ein herrlicher Blick bietet sich von der obersten Etage des Hotels "Globus" auf den 150 Meter breiten Dünenstrand.

Sechs Kilometer lang zieht sich der sichelförmige Sandstreifen von den bewaldeten Hügeln links bis an die Mauern von Nessebar rechts, einer uralten Hafensiedlung, die am Horizont wie im Meer zu schwimmen scheint.

In der weit ausladenden Bucht von Nessebar, dieser auf einer Landzunge gelegenen Stadt mit kopfsteingepflasterten Gassen, Holzhäusern aus der Türkenzeit und etwa vierzig Kirchen, liegt Slâncev briag, zu deutsch Sonnenstrand. Wie alle bulgarischen Seebäder ist auch dieser Urlaubsort eine reine Hotelsiedlung, in die selbst die Zimmermädchen täglich mit Bussen gefahren werden. Wer hier den bulgarischen Alltag sucht, der hat falsch gebucht: keine Armut, keine Taschendiebe, keine Mafia, dafür das angenehme Gefühl, zu keiner Zeit, auch nicht während des abendlichen Strandspaziergangs, um Leib und Portemonnaie bangen zu müssen.

Wohltuend anders als in ähnlichen Einrichtungen am Mittelmeer, weil weitläufig verstreut, stehen gut einhundert Hotels an diesem Küstenstreifen Spalier. In den schattigen Alleen, die den Ort durchziehen, haben Portraitmaler ihre Posten bezogen, bieten Händler aufwendige Stickereien, handgearbeitete Keramik, Obst, Parfum, Zigaretten und schwarz gepreßte CDs zu Spottpreisen an. Autos sind ausgesperrt, den Transport übernehmen lustige, elektrisch betriebene Bimmelbahnen.

Chinalokale und Pizzabäckereien, eher rührende Versuche, Internationalität zu demonstrieren, finden abends weniger Zuspruch als die Freiluftrestaurants, wo sich die Hammel am Spieß und die Folkloretänzer im Kreis drehen. Die bulgarische Küche ist herzhaft schlicht, aber deftig. Angenehme Überraschungen kann man erleben, wenn man auf das beträchtliche Angebot an hervorragenden Weinen zurückgreift, deren sich auch eine anspruchsvolle westeuropäische Tafel nicht zu schämen bräuchte. Gute bulgarische Tropfen sind für umgerechnet drei, vier Mark zu haben, die ganz exzellenten kosten nicht mehr als fünfzehn. Ein Abendessen zu zweit, einschließlich Meerblick und einer Flasche Wein, läßt sich mühelos für fünfundzwanzig Mark goutieren.