Ach, Salzburg, wunderarme Stadt. Wie kann man einen denkenden, Bilder träumenden Kopf wie Peter Stein, den Schauspiel-Direktor an der Salzach, vor die Mauern schicken. Wie kann sich eine, nein: die Festspielstadt Europas von dem Künstler trennen, der - nach dem Zauberer der Gründerzeit vor siebzig Jahren, Max Reinhardt - dem Schauspiel eine neue Blütezeit beschert hat.

"Trauerspiel in fünf Aufzügen" steht im Programmheft für die Premiere von Franz Grillparzers selbst in Österreich selten aufgeführtem Festspiel über die Gründung der Stadt Prag in der kirchenhohen Saline der Stadt Hallein auf einer Insel in der Salzach, zwanzig Kilometer vor Salzburg.

Ein Trauerspiel: Peter Steins Auszug aus dem unwirtlichen Salzburg - mit einem (dem nörgelnden Autor Grillparzer zum Trotz) kritischen Fest- und Denk-Spiel. Gerade vierzehnmal gespielt: und doch eine der Wege ins Neue schlagenden Inszenierungen des Jahres.

Wann hört man solche Sätze auf unseren gemütlichen, um alles niederlächelnde Abonnenten buhlenden Bühnen? Ist da der wie ein Ertrinkender nach jedem Steuer-Stroh-Halm grapschende Theo Waigel gemeint? "Die Luft wird er besteuern, die ihr atmet, / Mit einem Zoll belasten euer Brot. / Der gibt euch Recht, das Recht zugleich und Unrecht. / Und statt Vernunft gibt er euch ein Gesetz ..."

Solche Sätze schiebt der Konzeptspraktikant an der Hofkammer, also der Finanzdeputation, und spätere Direktor des Hofkammer-Archivs, Franz Grillparzer, lieber einer Frau in den Mund, der Heldin seines "Libussa"-Dramas. Man lebt ja im Polizei- und Spitzel-Staat Metternichs - und will nicht auffällig werden. Fast ein halbes Jahrhundert quält Grillparzer sich mit seinem geschichtsphilosophischen, welthistorischen, durchaus "grünen" und doch pechschwarzen Liebes-Drama herum, ehe Peter Stein, im Älterwerden, solchen Klagen sein Ohr - und eine ganz unaufgeregte Inszenierung schenkt. Noch jubelt der kluge Bauersmann Primislaus die Hymne der Demokratie: "Was jeder abgibt, geben auch die andern, / Und so empfängt der eine tausendfach. / Es ist der Staat die Ehe zwischen Bürgern ..."

Es ist die - klügere - Frau, die solch irdisch-sozialistisches Paradies in Frage stellt. Libussa, kein Menschenkind, sondern Geschöpf aus Märchen-Zeiten, halb naturmythisch Elfe/Nixe/Undine, halb kritisch Elevin Voltaires/Rousseaus/Diderots, liest uns die Leviten: "Ihr aber wollt nicht mehr gehütet sein, / Wollt selbst euch hüten, Hirt zugleich und Herde ... / Und heimisch sein im Fremden, fremd zu Haus ... / Was du Empfindung wähnst, ist nur Gedanke, / Und der Gedanke schrumpft dir ein zum Wort, / Und um des Wortes willen wirst du hassen, / Verfolgen, töten - Blut umgibt mich, Bl ut, / Durch dich vergossen fremdes und von Fremden deines - / Die Meinung wird dann wüten und der Streit ... // Das Edle schwindet von der weiten Erde, / Das Hohe sieht vom Niedern sich verdrängt. / Und Freiheit wird sich nennen die Gemeinheit, / Al s Gleichheit brüsten sich der dunkle Neid. / Gilt jeder nur als Mensch, Mensch sind sie alle, / Krieg jedem Vorzug heißt das Losungswort ... / Die lang gedient, sie werden endlich herrschen, / Zwar breit und weit, allein nicht hoch und tief."

Peter Stein, der kritische Aufklärer, hat sich von diesen, den Traum der Demokratie befragenden Sätzen unruhig machen lassen. Daraus quillt die Kraft seiner - über alle schöne Schauspielerei hinauswirkenden - Inszenierung.