So schön kann die Katastrophe sein - wenn man sie aus gebührendem Abstand und trockenen Fußes betrachtet: eine zum Strom gewordene Oder, die sich gravitätisch durch prallgrüne Landschaft schiebt. Eine grandiose Inszenierung ungezügelter Naturgewalten, alle menschlichen Regieversuche verhöhnend. Ein zerstörerisches Schauspiel - wenn man sich den zum Jahrtausendhochwasser schwellenden Fluten nähert. Mit altbewährten, fast archaisch anmutenden Mitteln versuchen gut fünfzehntausend Helfer die Wassermassen zu zähmen: mit einer Vielzahl von Händen, Schaufeln und Säcken voll Sand.

Eine Million, zwei Millionen - inzwischen kennt keiner mehr die Zahl der prallgefüllten Säcke, die am Oderufer oft die einzige Rettung versprechen, wenn der Deich vor dem Druck des Wassers kapituliert. Bundeswehr, Technisches Hilfswerk und Tausende von Freiwilligen füllen Tag und Nacht den unerschöpflich scheinenden Vorrat an Säcken. Eine unsichtbare Katastrophenschutzregie sorgt für immer neuen Nachschub: Jutesäcke mit dem Aufdruck "Café do Brasil", Postsäcke aus den Beständen der Bundespost mit schwarzrotgoldenen Emblemen, milchige Plastiksäcke und hellblaue aus Stoff.

Drei Schaufeln Sand pro Stück, das lernt jeder Helfer, sind die richtige Füllung, damit sich die Säcke dicht aneinanderschmiegen. "Deine ersten zwanzig wiegen noch zehn Kilo", sagt einer der freiwilligen Schaufler, "alle folgenden sind schwer wie ein Zentner Blei." Rund um die Uhr sind die Helfer im Einsatz, die Haare schweißnaß an der Stirne klebend, das Gesicht von einer gelben Schicht Sand verschmiert.

Am Himmel stehen die Grenzschutz-Hubschrauber im Stau, um im Akkordtempo die Netze mit den schweren Säcken zu den gefährdeten Deichstellen zu hieven.

Jeder Landeanflug dieser knatternden Riesenlibellen quirlt minutenlange Staubwirbel rund um die Helfer.

Und doch, bei aller Erschöpfung unter den Helfern ist auch die Genugtuung über das Gemeinschaftsgefühl zu spüren. Zwei Eisenhütter Schüler strahlen nach 36stündigem Dienst am Sandsack um die Wette: "Ist für 'nen guten Zweck und gut gegen die Langeweile." Endlich mal zupacken können und gebraucht werden, das tut gut. Ein älterer Helfer, das T-Shirt pitschnaß, grinst seinem schaufelnden Nebenmann zu: "Noch 'ne Flutkatastrophe, und wir hätten unser Problem mit der Arbeitslosigkeit gelöst." Am Tag zuvor haben mithelfende Asylbewerber aus der nahe gelegenen Sammelunterkunft sogar getanzt inmitten der Berge aus Sand. Da haben auch die anderen die Schippen aus der Hand gelegt und zu afrikanischen Rhythmen geklatscht.

Doch das Schaufeln in die Sandsäcke wird immer mehr zum Wettlauf mit der Zeit. Unzählige Wagenladungen haben Bundeswehr-Lkw bereits an aufgeweichte Deiche und in gefährdete Ortschaften gekarrt. In der Gemeinde Ratzdorf läßt sich der natürliche Oderdeich nur noch unter den Wassermassen erahnen. Unter den Bewohnern, die - teils ungläubig staunend, teils trotzig stur - bis zuletzt ihre Häuser nicht verlassen wollen, macht sich Resignation und auch Ärger breit. Die Natur kann man nicht zur Verantwortung ziehen. Deshalb trifft der geballte Unmut die professionellen Helfer: Mal haben die Krisenstäbe "lächerlich früh" zu Evakuierung gedrängt, mal "viel zu spät" vor dem anschwappenden Desaster gewarnt. Dabei hat keiner der Verantwortlichen die Gefahr heruntergespielt. Nur so recht wahrhaben wollte sie keiner. Den Katastrophenschützern läßt man nicht durchgehen, was auch unter alteingesessenen Oderanwohnern die meist nur gemurmelte Einsicht dieser Tage ist: "So etwas haben wir noch nie erlebt. Daß das passieren könnte, damit haben wir nicht gerechnet."