Im Sommer macht man keinen Urlaub. Im Sommer arbeitet man. Kirsten F. war sehr froh, als sie diesen Job in einem Steuerberatungsbüro in Berlin-Mitte gekriegt hatte. Überall nisteten sich dort Anfang der neunziger Jahre Immobilienfirmen, Rechtsanwaltskanzleien, Kulturmanager und Steuerberater ein. Kirsten F. ist eine Westberlinerin aus Überzeugung, eine Westberlinerin der achtziger Jahre (Wirtschaftswissenschaften an der FU), und dieses neue Gelände wirkte anfangs wie ein völlig ungeahnter Abenteuerspielplatz, leicht zu durchdringen mit dem alten Erlebnishunger.

Mittlerweile sieht Kirsten F. zweiundzwanzig Baustellen, wenn sie aus dem Fenster schaut. "So oft habe ich noch nie die Schuhe zum Schuster getragen wie in den letzten paar Jahren", sagt sie. Es ist schwer, mit den berufsspezifischen Pumps immer die richtigen Pflastersteine zu erhaschen und nicht den Abgrund dazwischen. Sich den Weg durch die immer undurchschaubarer entstehenden Abrißhalden und Müllcontainerwälle zu bahnen ist jeden Tag eine neue Herausforderung. Trotzdem sieht sie aus wie aus dem Ei gepellt. "Harte Arbeit", sagt Kirsten F. "Der Baustellenstaub sitzt überall: in den Klamotten, in den Haaren, auf der Brille." Im Sommer, der in Berlin sehr kurz ist, aber auch heiß, haftet der Baustaub besonders gut. Und Kirsten F.

arbeitet in jedem Sommer, weil die männlichen Kollegen alle schulpflichtige Kinder haben.

"Zuerst kam die Bewag, riß die Straße auf und machte sie wieder zu, dann kam die BVG, riß die Straße auf und machte sie wieder zu, und im Moment sind es zum zweiten Mal die Wasserwerke." Die Trampelpfade rings um den Hackeschen Markt sind unübersichtlich und wechseln ständig. Die Baugerüste um die Häuser, die ständig weiterwandern, wirken fragil und vorläufig, sind aber zäh die Plastikfolien um die Fußgängertunnel lassen viel Raum frei für den stetig blasenden Wind. Und seine Spuren sind gerade heute wieder intensiv auf dem Fenster von Kirsten F. abzulesen.

"Wir Westberliner sind die wahren Versuchskaninchen der deutschen Einheit", sagt Kirsten F. "Nur wir wissen, was wirklich auf den Westen zukommt." Die Edelbistros um die Rosenthaler Straße und die Oranienburger stehen unverbunden neben verbliebenen Lebensmittelläden aus der DDR: Spreewälder Gurken hie, Tapas und Lauchcremesüppchen da. Dazwischen ist nur Staub und Schutt.

Auch das Haus, in dem Kirsten F.s Büro sitzt, wird grundlegend saniert. Es dauert nun schon fast zwei Jahre. An Preßlufthämmer hat sich Kirsten F.

mittlerweile gewöhnt, an einsilbige Blauer-Anton-Träger, die auf Leitern vor den Fenstern nicht näher zu rekonstruierenden Tätigkeiten nachgehen. Aber die Erneuerung des Dachstuhls wirkt bis heute nach: Kirsten F. suchte in der Mittagspause nach etwas Eßbarem, und als sie zurückkam, waren der Schreibtisch und der Computer begraben unter Gips, Schilfmattenresten und Mörtel. Die Decke war eingestürzt, als der Arbeiter gerade auf einer nichttragenden Stelle balancierte. "Wenn ich da am Schreibtisch gesessen hätte ...", sinniert Kirsten F. Aber dafür ist sie ja mitten in der Werkstatt der Einheit.