Selbst Richard Wagners "Gesamtkunstwerk" sei hier übertroffen worden - nämlich durch den Duft, die Gesundheit und, nicht zuletzt, die Wirtschaftlichkeit. Ein solches öffentlich verkündetes Votum aus höchstzuverlässigem Expertenmund - genauer: von Werner Schmidt, dem Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen - hat natürlich Gewicht. Und prompt greift auch der Besitzer des solcherart gepriesenen Opus zu Superlativen. Er habe den "schönsten Milchladen der Welt", verrät Geschäftsführer Wilfried Hensel auf der Titelseite seiner Broschüre über eine Attraktion nicht nur für Dresdentouristen: die nach und nach wieder in alter Herrlichkeit oder neu und ganz anders erstehende "Dresdner Molkerei Gebrüder Pfund" an der Bautzener Straße auf der nördlichen Seite der Elbe, in der bürgerlichen Neustadt.

Anno 1879 erkannte Paul Gustav Leander Pfund, dreißigjähriger Sohn eines Schnapsfabrikanten und selber bereits erfolgreicher, wir könnten heute sagen: Ökolandwirt die Zeichen der Zeit. Mit seiner Ehefrau sowie je sechs Kühen und Schweinen zog er die knapp zwanzig Kilometer von Reinholdshain hinauf nach Dresden. Sein Ziel: die in diesem Punkte sträflich vernachlässigten Städter mit hygienisch einwandfreier Milch zu versorgen. Er fand eine geeignete Lokalität für eine pfiffige Strategie mit Aktivwerbung: vorn einen Verkaufsraum, wo die Kunden durch ein Fenster nicht nur beobachten konnten, wie dahinter Kühe gemolken wurden, sondern auch, wie man auf eine damals kaum bekannte Weise die Milch säubert, kühlt und keimfrei hält und sie damit in einer bislang gänzlich unbekannten Qualität verfügbar macht.

Als im folgenden Jahr Pauls schauspielernder Bruder Friedrich als Teilhaber in die Firma eintrat, entstand die "Schutzmarke", die knallhartes PR-Denken verrät: ein Relieftaler mit zwei stämmigen kraushaarigen Knaben, die jeder ein 2-Pfund-Gewicht am ausgestreckten Arm halten und so die spätere Losung vorausbeweisen: "Trinkt mehr Milch, und ihr bleibt gesund!" Fünfundzwanzig Jahre später besaß der Betrieb 32 Verkaufsläden, beschäftigte 477 "Beamte, Angestellte und Arbeiter". Auf dem Höhepunkt der Entwicklung verarbeitete das Unternehmen täglich an die 60 000 Liter Milch, produzierte sowohl 30 Zentner Butter wie Milchpulver, kondensierte Milch ("für Kinder und Kranke", vermutlich eines der wirksamsten Mittel gegen die Kindersterblichkeit) und, ein Hit jener schönheitsbewußten Jahre, Milchseife. 125 Pferde zogen die Verkaufswagen durch Stadt und Region. Die Firma stellte die dazugehörenden Blechdosen, Kisten und Flaschenverschlüsse selber her, druckte die Etiketten, nähte die Kutscheruniformen, beschlug die Hufe der Pferde.

Eine der werbewirksamsten Ideen freilich hatte der Senkrechtstarter Paul Pfund, seit dem Tode seines Bruders 1883 wieder Alleinbesitzer, als er 1892 noch einmal die Produktionsstätten vergrößerte. Die Dresdner Dependance der saarländischen Keramikfirma Villeroy und Boch erhielt den Auftrag, den neuen Verkaufsraum, an den sich jetzt auch eine Art Probierstübchen anschloß, komplett, also an Wänden, Decken und Boden, mit handgemalten Kacheln und Stuckarbeiten zu versehen. Zwar sind die Namen der einzelnen Autoren von Bildtafeln und Friesen, von Schranksimsen und Säulenbasen nicht bekannt. Wohl aber ist den Allegorien wie den bukolischen Szenen, den heraldischen Verweisen wie den direkten Anspielungen auf die hohen politischen Herrschaften anzusehen, daß da Künstler mit historischen Kenntnissen wie werbepsychologischem Durchblick am Werk waren. Sie überhöhten die übliche kalte Reklame mit ästhetischer Phantasie und die platte Ornamentik sensibel mit feinem Farbempfinden.

Als am 13./14. Februar 1945 die alliierten Bomberverbände Dresden anflogen, um es in Schutt und Asche zu legen, kamen sie von Nordosten - so blieb die Neustadt weitgehend verschont: Der "schönste Milchladen der Welt" behielt seine Kostbarkeiten.

Jahre später, als auf den planierten Trümmer-Quadratkilometern der südlichen "Vorstädte" die Plattenbauweise siedelte, sorgte irgend jemand dafür, daß das Stadtviertel um die Martin-Luther-Kirche eine Art Wohnbiotop blieb. Als 1972 der Pfundsche Betrieb verstaatlicht wurde, hielt der Denkmalschutz seine Hand über Kacheln und Stuck. Die allmählich ringsum einsetzende schleichende Zerstörung fraß zwar mehrere der ehemaligen Werkshallen im Hinterhof - der weiterhin funktionierende Milchladen blieb intakt.

Im Jahr 1990 gründete sich in Dresden ein Verein "Baugrund Sachsen", ideenmäßig zwischen Werkbund und Bauhaus einzuordnen, mit dem Ziel, den Wiederaufbau Dresdens nicht allein den westlichen Investoren und Architekten zu überlassen. Geschäftsführer wurde ein Informatiker der Technischen Universität - Frank Zabel. Der traf einen aus Dresden stammenden, aber im Rheinland hellhörig und feinnasig gewordenen, jetzt wieder in der Stadt seiner Familie arbeitenden dynamischen Versicherungskaufmann - Wilfried Hensel. Die beiden setzten sich mit den Pfundschen Erben auseinander - und erwarben den gesamten Komplex.