Der Funke, der im Augenblick einer Sternschnuppe zwischen All und Individuum überspringt, mag einem Menschen so viel Energie schicken, daß er gar keine gute Fee, keine Himmelsmacht braucht. Er erfüllt sich seinen Wunsch selbst. Der Aberglaube hat seine eigene List, sich zu bewahrheiten.

Sternschnuppen tauchen unberechenbar wie Geistesblitze auf, das Erscheinen des Kometen Hale-Bopp aber hatte sich lange angekündigt und versetzte die Menschen weltweit in Aufruhr. Eineinhalb Jahre lang setzte Hale-Bopp sich Nacht für Nacht in Szene und zog langsam seine Bahn, eine gigantische Sternschnuppe im Schneckentempo, Würdenträger der Unendlichkeit. Ein wenig pfauenhaft verhielt er sich, bis er endlich auch den dritten Teil seines Schweifs entfaltet hatte.

Von Japan bis Amerika liefen die Leute zu seiner Huldigung auf die Straße, sie feierten "Starparties" zu Tausenden, entdeckten den heiligen Schauder des Nachtwanderns wieder und reisten dem Kometen auf hohe Berggipfel entgegen, dorthin, wo die Luft schon dünn wird. Selbst Kinder fanden diese Art des Fernsehens spannender als "Starwars", stellten Fragen nach Zeit und Ewigkeit.

In Florenz, der Stadt Galileo Galileis, beschloß der Gemeinderat sogar die Abschaltung der Straßenlaternen: Dunkelheit als Festbeleuchtung zu Ehren einer Himmelserscheinung.

Wundersam, wie es der Komet den Sternenfreunden ermöglichte, ihre Umgebung neu zu sehen, bei Nacht, bei Tag und in der Dämmerung. In immer neuen Folgen veröffentlichte die vom Max-Planck-Institut herausgegebene Zeitschrift Sterne und Weltraum Photographien und Zeichnungen der Kometenbeobachtung. Vom Großstadt-Balkon, vom Gornergrat und vom Space Shuttle aus, in Doppelbelichtungen und durch Prismen zur Erlangung der Spektralfarben - millionenfach wurde die Erscheinung des Kometen im irdischen Ambiente dokumentiert. Fast könnte man von einer Hale-Bopp-Ästhetik sprechen.

Er ist das meistphotographierte astronomische Ereignis aller Zeiten. Das kann darüber hinwegtrösten, daß es mehr als zwei Jahrtausende dauern wird, bis Hale-Bopp ein neues Rendezvous gewährt. Doch halt! Noch ist er der Erde nicht ganz entschwunden. Er schlägt dem eurozentristischen Denken ein Schnippchen.

Auf der Südhalbkugel ist er noch immer mit bloßem Auge zu sehen es gibt Leute, die ihm bis auf die Tafelberge Namibias nachreisen.