Als wir klein waren, waren sie klein. Saßen die Engelchen, rund, rosig und gelockt, auf Wolken, bliesen die Flöte, strichen die Fiedel. Als wir groß waren, waren sie groß. Stand der Engel, streng, männlich und gelegentlich mit einem Schwert bewaffnet, im Dienst jener wohl nicht zufällig so genannten himmlischen Heerscharen. Einer von ihnen, Luzifer, wollte Gott die absolute Herrschaft streitig machen und wurde gestürzt. Ein anderer, namenloser, ist in die Geschichte der bildenden Kunst eingegangen. Es ist jener Engel der Verkündigung, der Maria die Botschaft überbringt, daß sie den Gottessohn gebären wird. Aber so, wie er zum Beispiel auf Grünewalds Isenheimer Altar auftritt, wird die Verkündigung zur Gewalttat. Wie ein Sturmwind ist er eingefallen in das Zimmer der Jungfrau und weist nun mit herrischer Geste auf sie, die wie geblendet ihren Kopf wegdreht.

Verkündigung und/oder Vergewaltigung. Wir sind mitten in der Wiener Ausstellung. Von Grünewald oder Raffael (seine "Sixtinische Madonna" trägt das himmlische Kind bereits im Arm, und deshalb können die beiden Zuckerbäckerengelchen auch so nett aus den Wolken schauen) ist in den "Legenden der Gegenwart" natürlich nichts zu sehen, im Katalog auch nichts zu lesen. "Krieg und Frieden", jetzt: Die unter diesem Motto im Entree der Ausstellung auf zwei Sockeln plazierte kleine Fassung des Münchner Friedensengels (ein golden banaler Flügelschwinger) und die "Nike" von Yves Klein (ein strahlend blauer Flügeltorso) markieren das Terrain, auf dem die Arbeiten von 55 Künstlern angesiedelt sind. Für Cathrin Pichler, die Kuratorin der Ausstellung, ist es das Spiel- und Schlachtfeld jener Engelsfiguration der Gegenwart, die "immer auch ,das Andere'" ist, jener "Denkfigur, die seit dem Beginn des Jahrhunderts als Folie der Überschreitung und des Ausbruchs aus der Enge der Realität dient".

ENGEL, ein durch das christentum in alle neueren sprachen überfürtes wort, weil für den himmlischen boten und geist kein heimischer ausdruck geeignet schien. Der Vermittler zwischen Gott und Mensch, der in der Definition des Grimmschen Wörterbuches noch sein segensreiches Wesen treibt, ist auf die Erde gefallen. Und die Menschen starren und schreiben hinterher: 1456 Referenzen zum Stichwort nennt der Katalog bis zum September 96.

Rilke machte es kürzer. "Jeder Engel ist schrecklich", knapp ist der Auftakt zu seiner vielfach verrankten zweiten "Duineser Elegie". Und er hinterläßt vielleicht jene Spur verwischter Körperlichkeit, die auf Yves Kleins "Empreinte positive et dynamique" zu sehen ist. Oder ist zum Altfrauenakt verdorrt, der auf Andres Serranos Photobild "The Model" links die Zigarette und rechts den Krückstock in der Hand hat.

Cathrin Pichler, die 1989 (zusammen mit Jean Clair und Wolfgang Pircher) die grandiose Ausstellung "Wunderblock - eine Geschichte der modernen Seele" gemacht hat, kennt sich im Dickicht des "Anderen" aus. Der moderne Körper, den die moderne Seele hinter sich herschleppt, hat die "statische Geschlechterordnung" (so die Formulierung von Deleuze und Guattari) hinter sich gelassen, ebenso wie die sauberen Kontraste von gut und böse, schön und häßlich. Er schminkt sich für seine Rolle (Bruce Naumans Video "Art make Up") ironisiert die Rolle des anderen (Hermione Wiltshires' am Boden ausgebreitete gläserne Tränentropfen mit unterlegten Penisabbildungen, Titel "Seamen II") verflüchtigt sich im Abgang (Nan Goldins frühe Photoarbeit "Ivy in the Boston Garden") antizipiert die Geschichte seines Todes (David Wojnaworicz, an Aids gestorben 1995, in dem Photozyklus "Sex Series") hängt, zur Vermehrung selber nicht fähig, das prächtige Hemd aus Seidenra upenkokons auf, deren Ausschlupf auf einem Bildschirm zu sehen ist (Javier Peréz' "Habite").

Am Ende dieser klug und mit viel Platz zum Sehen und Raum für Übergänge arrangierten Ausstellung steht auf einem Sockel eine kleine Glasglocke, darunter ein Stab. Es ist der "Engeldetektor" von Jason Kataindros, ein Gerät, um Ruhe aufzuspüren. Nur bei völliger Stille leuchtet der Stab auf und wird so "zum Leuchtturm, der den vorüberschwebenden Engel zum Verweilen einlädt".

Aber dieser Engel hat sich bereits in der Ausstellung niedergelassen. Der kleine Pausback von früher ist immer noch gut beisammen, aber in der Gestalt von Judy Fox' "Olympia" zum komisch bedrohlichen Beispiel in Sachen Kindersex geworden. (Kunsthalle Wien bis zum 7. September Katalog) AU:Petra Kipphoff