Frankfurt/Oder Sie kommen von weit her, die Flut zu besehen, und siehe, das Wasser ist sehr groß. Sie flanieren hart am Strom. Bierchen, Wurst vom Grill - ein heiterer Sonntag, denn 6,57 Meter Oderpegel gab's in Frankfurt noch nie. Sie drücken ihre Kameras durch die Sperrgatter und staunen, wie aus der wüsten jungen Seenplatte Bäume und Häuser ragen - gottlob nicht das ihre. Jetzt läßt das dicke Berlin den Camcorder sinken und blökt, Goldkettchen und goldener Humor: Allet jut jewässert!

Auch am "Zentralhotel" leckt schon die Flut. Hier hat der Mann sein Not- und Basislager aufgeschlagen, der einmal Manfred Stolpe als Ministerpräsident von Brandenburg beerben wird. Derzeit ist er Deichgraf - ein Medientitel, der romantisch trifft, wie der Umweltminister Matthias Platzeck momentan regiert.

Seit zwei Wochen kennt ihn Fernseh-Deutschland. Er steht vor den Wassern, er spricht klar und bündig über Hilfe und Gefahr, er sagt "Brieskow-Finkenheerd", "Hohenwutzen", "Ziltendorfer Niederung" mit sachlicher Wärme, daß man merkt: Der kennt, den sorgt das Land.

Platzeck, Urpotsdamer vom Jahrgang 1953, entstammt der DDR-Umweltszene. Am Karl-Marx-Städter Institut für Lufthygiene bekam er Einblick in die verheerenden Zustände. Später war er Umwelthygieniker der Kreis-Energieinspektion Potsdam, wo er 1988 mit Gleichgesinnten die ökologische Bürgerinitiative Argus ins Leben rief. Im Herbst 1989 wurde Platzeck Mitbegründer und Sprecher der Grünen Liga. Er saß am zentralen Runden Tisch, in Modrows Übergangsregierung, in der freien Volkskammer und bis Ende 1990 im Bundestag.

Als die Brandenburger Landtagswahl 1990 zur Ampelkoalition führte, übernahm Platzeck, damals Bündnis 90, das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung. Die unübliche Kombination war höchst bedeutsam in den Gründerzeiten kapitalischer Raubritterei. Raumordner Platzeck stellte weite Landesteile unter engen oder weiteren Naturschutz, bremste Highways und Monsterparks, förderte sanften Tourismus und ökologische Landwirtschaft. Er focht - vergeblich - wider das allmächtige Bruderbündnis der westdeutschen Energiekonzerne und -gewerkschaften und entwarf trotzige Pläne lokaler Stromkreisläufe. Dem sorbischen Dorf Horno, das die Rheinbraun-Tochter Laubag gegen Brandenburgs Verfassung wegbaggern will, schien er der beste Freund.

Demut vor der Schöpfung predigte der Heide und Pastorenenkel Platzeck. Die ökologische Krise verbiete es, die Ökonomie weiterhin mit Wachstum zu kurieren. Globale Kostenwahrheit müsse auf den Tisch, nicht immer nur lokalpatriotische Berechnung. Ressourcenbesteuerung kann Lohnkosten senken!

Verzicht muß Wahlkampfthema werden! Und hinfort mit Politikern, die erst zur Wirtschaft rennen, bevor sie den Arm heben!