Am Anfang erschuf Gott das Wasser und fuhr in einem Boot spazieren. Eines Tages stieg der Teufel in sein Boot und fragte ihn, warum er kein Land erschaffe, auf dem er sich ausruhen könne. Also bat Gott den Teufel, hinabzutauchen und ihm eine Handvoll Sand mitzubringen. Der Teufel tat dies, und Gott warf den Sand ins Meer zurück. So entstand eine winzige Insel, die gerade groß genug war, daß beide sich darauf niederlassen konnten. In der Nacht versuchte der Teufel, Gott ins Wasser zu stoßen. Aber als er ihn nach rechts stieß, vergrößerte sich die Insel unter dem schlafenden Schöpfer, und es entstand der Osten. Wo immer der Teufel Gott auch hindrängte, die Erde wurde größer, bis sie sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte.

So erzählt Ivans Kusine, ein Christenmädchen, das Märchen von der Erschaffung der Welt. Mit Blick auf Ivans Freund Abraham fügt sie hinzu: "Ihr Juden seid die Kinder des Teufels. Wir brauchen euch, damit die Erde größer wird, aber ihr trinkt unser Blut." In der Kirche zeigt sie Ivan das Bild, auf dem die Juden mit dem Blut der Christenkinder das Pessach-Brot backen. Ivan glaubt ihr nicht. Das Bild, sagt er, stammt nicht von Gott. Es ist nur ein Bild.

In "Ivan und Abraham" (seit Anfang Juli im deutschen Kino), dem ersten Spielfilm von Yolande Zauberman, sind es zwei Kinder, Ivan und Abraham (Sascha Jakowlew, Roma Alexandrowitsch), und ein Liebespaar, Aaron und Rahel (Wladimir Machkow, Maria Lipkina), die sich gegen solche Legenden und Traditionen behaupten. Der Schauplatz ist ebenfalls eine winzige Insel, ein ostpolnisches schtetl der dreißiger Jahre, wo Russen, Polen, Christen, Juden und Sinti gerade so viel Platz haben, um ihn einander streitig zu machen.

Der wilde, jüdische Abraham und der scheue Goi Ivan finden sich nicht zurecht in dieser geschlossenen, aber keineswegs heilen Welt. Also schneidet sich Abraham die Schläfenlocken ab und flieht mit Ivan. Aber sie erreichen nur das Nachbardorf, und Abraham wird als Zigeunerjunge beschimpft. Dem Pogrom kann er entkommen, dem Aberglauben entrinnt er nicht.

Mit "Clubbed to Death", ihrem zweiten Film (Kinostart: 21. August), wollte Yolande Zauberman ebenfalls einen Kostümfilm drehen. Seine Zeit: die Gegenwart. Sein Ort: ein Techno-Tempel zwischen Neubauruinen und Endhaltestelle. Seine Helden: zwei Frauen und zwei Männer, die tanzen, boxen und Drogen nehmen und die nicht wissen, wie man liebt.

Lola (Elodie Bouchez) sitzt im Bus, schläft ein und verirrt sich auf den falschen Planeten: in die Pariser Peripherie mit ihren Einwanderern, Aussteigern und kleinen Gangstern. Sie gerät in einen gigantischen Nachtclub, wo Saïda (Béatrice Dalle) als dance queen hoch über den Köpfen der Menge tanzt. Sie sieht Emir (Roschdy Zem) und verliebt sich. Aber Emir gehört zu Saïda und zu seinem Bruder Ismael (Richard Courcet), der illegale Boxkämpfe organisiert, damit Emir seine Drogenschulden bezahlen kann.

Zwei Filme über menschliche Körper und darüber, was geschieht, wenn sie aneinandergeraten. Sie halten einander fest und ersticken daran. Sie verstoßen einander und lassen sich doch nicht los. Wie kaum eine andere zeitgenössische Regisseurin studiert die Französin Yolande Zauberman die physikalischen Gesetze von Anziehung und Abwehr und entwirft eine spröde Choreographie von Nähe und Freiheitsdrang, Begehren und Einsamkeit.