Zeichnet sich ein Kurswechsel in der amerikanischen Haltung gegenüber Teheran ab? Jahrelang hatte Washington mit politischem Druck und finanziellen Versprechungen versucht, vor allem Kasachstan und Turkmenistan davon abzuhalten, Pipelines für den Transport der reichhaltigen Öl- und Gasvorkommen am Kaspischen Meer durch den Iran führen zu lassen - und weiter durch die Türkei nach Europa. Am vorigen Montag erklärte ein Sprecher des Weißen Hauses überraschend, die amerikanische Regierung erhebe keine Einwände gegen den geplanten Bau einer 3200 Kilometer langen Erdgas-Rohrleitung von Turkmenistan in die Türkei, die auf einer Länge von 1268 Kilometern durch die ungeliebte Islamische Republik führen wird. Der Iran soll dafür in Devisen bezahlt werden und später auch eigenes Erdgas einspeisen dürfen.

Offiziell hieß es in Washington, die Duldung des Energieprojektes mit Teheran sei eine Geste des guten Willens gegenüber dem als moderat geltenden iranischen Präsidenten Khatemi, der am 3. August sein Amt antritt. Viel gewichtiger sind jedoch geostrategische Überlegungen und die Sorge, daß amerikanische Ölfirmen bei der Vergabe milliardenschwerer Konzessionen und dem lukrativen Bau von Pipelines den kürzeren ziehen könnten gegenüber der westeuropäischen und russischen Konkurrenz. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski erklärte kürzlich gegenüber der ZEIT, die amerikanische Regierung drohe den wirtschaftlichen Boom entlang des Kaspischen Meeres zu verschlafen, weil ihr die Isolierung Teherans wichtiger sei als realpolitischer Pragmatismus. Für Turkmenistan gebe es keine Alternative zum Transitland Iran - die andere denkbare Route durch Afghanistan nach Pakistan verbiete sich wegen des andauernden Bürgerkrieges am Hindukusch.

Das Einlenken des Weißen Hauses ist nur eine Geste und keine Neuorientierung der amerikanischen Iran-Politik. Es gibt keinerlei Anzeichen, daß Präsident Clinton das vor zwei Jahren verkündete amerikanische Handelsembargo gegenüber dem Iran oder das im vergangenen Jahr verabschiedete D'Amato-Gesetz aufheben könnte. Dieses Gesetz sieht Sanktionen gegen ausländische Firmen oder Personen vor, die mehr als vierzig Millionen US-Dollar pro Jahr in den Öl- oder Gassektor Irans beziehungsweise Libyens investieren. Insbesondere der republikanisch dominierte Kongreß verlangt eine harte Linie gegenüber Teheran und läßt Clinton in dieser Frage wenig Spielraum. Die Erklärung des Weißen Hauses, den Bau einer Transitpipeline durch den Iran zu dulden, setzt innenpolitisch gleichwohl ein Signal: Zwar werden die Boykottgesetze offiziell nicht angetastet, dennoch aber unterhöhlt. Es ist das erste - und sicherlich nicht letzte - Zugeständnis der Regierung Clinton an die Wirtschaftsinteressen amerikanischer Ölfirmen, die den iranischen Markt zähneknirschend an Japaner, Deutsche und Franzosen abtreten mußten. Über den Umweg Turkmenistan hoffen die US-Konzerne nun auf ein Comeback in der Islamischen Republik.

Wie es in den amerikanisch-iranischen Beziehungen weitergeht, hängt wesentlich von der zu erwartenden Öffnung in Teheran ab. Die Verfechter einer harten Linie gegenüber dem Iran werden sich einmal mehr bestätigt sehen, wenn der neue Präsident Khatemi tatsächlich Mohammed Moussavi-Khoeiniha zum Geheimdienstminister ernennt. Er war der Anführer der Studenten, die 1979 die amerikanische Botschaft besetzten. Seine Nominierung dürfte ein Zugeständnis an die Linksislamisten sein, die politisch keine tragende Rolle mehr spielen, aber bislang noch zu einflußreich sind, um sie von der Macht fernzuhalten.

Khatemi selbst setzt offenbar auf Dialog und religiösen Reformismus. In einem bemerkenswerten Beitrag für die arabische Tageszeitung Al-Hayat unterstrich er kürzlich, daß wissenschaftliche und religiöse Ideen wie alles andere auf der Welt einem steten Wandel unterworfen und nicht statisch seien. Auch das Bild von der eigenen Religion werde von den jeweiligen Muslimen und nicht von Gott geschaffen. "Der wahre Glaube bedeutet Verzicht und Enthaltsamkeit, womit sich der Gläubige aus seinem Gefangensein in der (materiellen) Welt befreit", schrieb Khatemi. Solche Betrachtungen werden im Iran so verstanden, wie sie gemeint sind: als eine subtile, aber deutliche Kritik am schiitischen Klerus, der mehrheitlich den eigenen Machtanspruch für gottgewollt hält.

Abzuwarten bleibt, ob es Khatemi gelingt, dergleichen Einsichten in Politik umzusetzen.