Theodor W., der Kassenwart des Kanzlers, hätte sich rechtzeitig ein paar Aktien zulegen sollen. Dann brauchte jetzt keiner zu fürchten, Deutschland könnte die drei Komma null im Maastricht-Vertrag nicht packen. So aber muß der arme Theo untätig zusehen, wie die Besitzer von Aktien reicher und reicher werden, während er leer ausgeht. Nicht nur, weil er selbst keine hat - auch, weil Kursgewinne nach Ablauf einer halbjährigen Spekulationsfrist ganz und gar steuerfrei (in Zahlen: 0,00 DM ESt.) sind.

Um mehr als dreihundert Milliarden Mark hat sich das Vermögen der Aktiensparer allein in diesem Jahr schon vermehrt. Wer das alles bezahlt, ist klar: Hansbert Schickel aus Bielefeld (siehe Kursgewinn I). Nun stellt sich aber eine weitere Frage: Wem nutzen die hohen Gewinne? Erstens und vor allem natürlich den Unternehmen. Obwohl sie von all dem Geld, das die Schickels an die Börse tragen, keinen Pfennig sehen. Von den zwanzig bis sechzig Milliarden Mark, für die in Deutschland täglich Aktien ge- und verkauft werden, landet normalerweise nichts bei ihnen. Das Geld wechselt nur von einem Aktionär zum anderen. Trotzdem sind Kursgewinne für die Unternehmen überaus erfreulich. Fast jeder Chef hat schließlich ein paar Belegschaftsaktien. Außerdem kommen die Unternehmen billiger an frisches Kapital: durch die Ausgabe neuer Aktien. Wenn die Kurse schön hoch sind, können sie die neuen Aktien teuer verkaufen. Ihre einzige Gegenleistung ist die Dividende, die jeder Aktionär einmal im Jahr erhält. Und die ist um so geringer, je höher der Kurs ist. Häufig beträgt sie nur zwei Prozent des Aktienkurses. Dank hoher Notierungen können sich AGs also Geld für zwei Prozent besorgen. Häuslebauer, Kleinunternehmer und Kassenwarte wie Theo, die sechs und mehr Prozent für Kredite zahlen, können da nur blaß werden.

Zweitens nutzen die hohen Kurse meist auch einem Aktionär. Vielleicht auch zweien oder dreien. Aber nie vielen und auf gar keinen Fall allen. An der Börse können zwar alle einen Kursgewinn machen, aber nur wenige bekommen ihn ausbezahlt. Nur diejenigen, die ihre Aktien schon heimlich verkaufen, während alle anderen noch kaufen. Sowie aber eine größere Anzahl von Aktionären Kasse machen möchte, fallen die Kurse. Je größer die Gruppe der Verkäufer, um so größer die Kursverluste. Am schlimmsten ist es oft im Oktober: Wer bis dahin nicht verkauft hat, verliert manchmal seinen vorherigen Kursgewinn. (Daher Achtung: Bis zum Oktober sind es lediglich noch dreiundvierzig Börsentage!)