Ich teile die unter den Deutschen vorherrschende Meinung, daß Gerhard Schröder die derzeit wohl beste Alternative zu Helmut Kohl als Bundeskanzler sei. Andererseits muß man angesichts des von Kohl zu verantwortenden Zustands des Landes sagen: Dazu gehört nicht eben viel. Und auch Schröder hat ja gravierende Defizite, vor allem im Ökologiebereich, da, wo es um den Schutz der Natur geht, die von den meisten politischen Akteuren als die Grundlage menschlichen Lebens bezeichnet wird und deren Bewahrung sie auch halbherzig praktizieren - solange es keine Wählerstimmen kostet. Und da Natur hierzulande pur und nutzungsfrei so gut wie nirgends mehr vorkommt, tangiert jede Schutzmaßnahme ausnahmslos irgend jemandes Interessen, seien sie touristischer (Wegegebote, Ruhezonen), sportlicher (Skilauf, Segeln, Jagd) oder wirtschaftlicher Natur (Fischerei, Land- und Forstwirtschaft).

Das zeigt sich in diesen Tagen wieder einmal am Beispiel der Nationalparks.

Kürzlich haben 45 Vertreter von Initiativgruppen "Nationalparkbetroffener" ihren Zusammenschluß zu einem Bundesverband beschlossen. Er soll die Interessen der Nationalparkgegner bündeln und gegenüber den Behörden politisch schlagkräftig vertreten. Da kommt es zu solch absurden Forderungen wie, zum Beispiel, den niedersächsischen Nationalpark Harz auf ein Drittel seiner Fläche zu verkleinern. Auch gegen den niedersächsischen Nationalpark Wattenmeer sind die Kanonen gerichtet. Und der Fraktionschef der CDU im Schweriner Landtag, Rehberg, geht schon lange mit der Forderung hausieren, die Nationalparks der neuen Bundesländer zu "Naturparks" herunterzustufen, eine mindere Schutzkategorie, die zwar verlockend nach "Natur" klingt, in Wirklichkeit aber allein der Förderung des Fremdenverkehrs dient und eine vielfältige wirtschaftliche Nutzung erlaubt.

Da der Schutz der Natur in der Bundesrepublik Ländersache ist, muß sich die Gretchenfrage an die politisch Mächtigen, wie sie es mit dem Schutz der Natur halten, an die Landesfürsten richten. In Bayern, dem von Nordlichtern oft bespöttelten Bundesland, in dem die Uhren angeblich anders, nämlich rückwärts gehen, ging die erste Schlacht für die Anti-Nationalpark-Hysteriker verloren.

Edmund Stoiber setzte, gegen Widerstand auch aus der eigenen Partei, seine von Zukunftsvorsorge getragene Absicht durch, den Nationalpark Bayerischer Wald durch die Eingliederung von 11 000 Hektar des benachbarten Zwieseler Staatswaldes auf fast das Doppelte zu vergrößern. Unter Verzicht auf Forstwirtschaft, durch Liegenlassen der Natur, wird nun das größte geschlossene Waldgebiet im Herzen Mitteleuropas der natürlichen Entwicklung zu einem urwaldähnlichen Erholungswald überlassen.

Da kann Gerhard Schröder nicht mithalten, will es wohl auch gar nicht, denn in seinem politischen Denken geht die Ökonomie allemal der Ökologie vor. Und Monika Griefahn, seine Umweltministerin, hat ihre kämpferische Greenpeace-Vergangenheit längst an der Ministeriumsgarderobe abgegeben. Müde der Verbandskritik an ihrer schlappen Umweltpolitik, will sie aus der niedersächsischen Frontlinie in die Rhetoriketappe des Bundestags retirieren.

Im Gegensatz zum Bundesumweltministerium sprach sich ihr Haus gegen eine Einbeziehung der Emsmündung (Dollart) in den Nationalpark Wattenmeer aus.