Entschuldigung, ich muß gerade mal die Turmuhr stellen." Arnold Wolff wendet sich einem mannshohen Holzkasten zu. "Die Uhr geht zehn Sekunden nach", sagt er und öffnet die verglaste Tür. Mit einem Schraubenzieher hantiert er in dem Gewirr aus Zahnrädern ("Das ist ein mechanisches Uhrwerk aus dem 19. Jahrhundert") und blickt auf seine funkgesteuerte digitale Armbanduhr. Arnold Wolff ist ein Perfektionist, aber er kann auch mal fünfe gerade sein lassen: "Eine Kirchturmuhr ist keine Bahnhofsuhr, die kann ruhig mal fünf Sekunden vor- oder nachgehen." Aber eben keine zehn.

Seit 25 Jahren ist Arnold Wolff Dombaumeister. "Ich hab' nie was anderes gemacht wie Kölner Dom", sagt er in seinem weichen rheinischen Tonfall. Er kommt aus Kapellen bei Neuss. Vater und Mutter waren Lehrer. Schon als Junge, erinnert sich Wolff, habe er sich für historische Bauten interessiert. An der TH Aachen hat er Architektur studiert. Der damalige Kölner Dombaumeister Willy Weyres, der einen Lehrauftrag in Aachen hatte, wurde auf den Studenten aufmerksam. Er holte ihn an die Dombauhütte, und bald war klar, daß Arnold Wolff der nächste Dombaumeister werden würde. Nomen est omen - auch einer der mittelalterlichen Kölner Dombaumeister hatte Arnold geheißen. Spaßeshalber nennt sich Arnold Wolff deshalb schon mal Arnold den Zweiten.

Im übrigen ist er ein nüchterner und zurückhaltender Mann. Wer ihn nicht als ausgewiesenen Praktiker kennt, könnte ihn für einen introvertierten Gelehrten halten. Ein Gelehrter ist er auch Wolff hat über den Dom unzählige Aufsätze, Abhandlungen und Bücher geschrieben, längst hat er den Professorentitel. Sein Arbeitszimmer in der Dombauverwaltung am Roncalliplatz ist eine Gelehrtenstube wie aus dem Bilderbuch. An den Wänden neugotische Bücherschränke aus Eiche, neben der Tür eine Wanduhr, deren Gehäuse gotische Schnitzereien zieren. Unwillkürlich hält der Besucher Ausschau nach einem Tintenfaß mit Federkiel, aber auf Wolffs Schreibtisch steht ein PC.

Die Arbeit eines Dombaumeisters ist vor allem Verwaltungsarbeit. Wolff leitet einen mittelständischen Betrieb: Die Dombauhütte hat fast 100 Mitarbeiter unter Vertrag, darunter allein 25 Steinmetzen, dazu Glasrestauratoren - "Wir haben die größte Glasrestaurierungswerkstätte überhaupt" -, Schreiner, Gerüstbauer und andere Handwerker. Zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern gehören neben Kunsthistorikern auch Archäologen, denn seit über fünfzig Jahren wird zwischen den Fundamenten des Doms gegraben.

Ein reiner Schreibtischjob ist das Amt des Dombaumeisters aber schon deshalb nicht, weil der Amtsinhaber jeden Tag im Dom nach dem Rechten sehen muß. Der Besucher beneidet ihn darum, daß er Zugang hat zu all den versteckten Wendeltreppen, Gängen und Galerien, die dem normalen Sterblichen verschlossen bleiben. "Ja", sagt Arnold Wolff mit unerwarteter Offenheit, "das empfinde auch ich immer noch als ein Privileg."

Mit einem Lastenaufzug außen an der Nordseite des Doms fahren wir aufs Dach.

Leider verhindert Regen heute die Sicht aufs Siebengebirge, das rheinaufwärts in der Ferne liegt. Dort, am Drachenfels, wurde im Mittelalter der Trachyt gebrochen, aus dem der gotische Chor errichtet wurde. Weil der Stein nicht ausreichend witterungsfest ist, verwendet man ihn schon lange nicht mehr.