Als Geschichte noch aus Geschichten bestand und Lehrerin des Lebens hieß, waren Politik und Schuld ein vielbesprochenes Thema in Geschichten von guten und von bösen Herrschern. Der neuzeitliche Souverän dagegen kann eigentlich gar nicht schuldig werden, er hat dem Begriff nach "immer recht". Aber auch wo die politische Theorie dem nicht zustimmt, meidet sie doch meist den Begriff der Schuld, wohl deshalb, weil er schlecht operationalisierbar ist.

Da sind Recht, Moral und Religion ganz nahe beieinander. Unübersehbar aber ist das Thema "Politik und Schuld" in diesem Jahrhundert in die Politik selbst zurückgekehrt, und zwar weltweit. Immer wenn eine Diktatur zusammenbricht, aber auch nach Kriegs- und Bürgerkriegsverbrechen wird öffentlich und eindringlich gefragt: Und wo sind die Schuldigen?

Gesine Schwan meint, daß "in der Kategorie ,Schuld' das grundlegende Selbstverständnis des Menschen zum Ausdruck kommt, weswegen sie als anthropologische Kategorie für die Analyse von Politik nach wie vor zentral ist". Denn wer grundsätzlich Schuldigseinkönnen bestreitet oder auch nur auf diese Kategorie verzichtet, erklärt die Menschen zu Automaten, die gerade das tun mußten, was sie taten, schuldlos jenseits von Freiheit und Würde.

Was ist Schuld? Gesine Schwan skizziert eine kurze Geschichte der Schuld von den archaischen ethnologischen Befunden über das tragische Schuldverständnis der Griechen zur biblischen Erfahrung der Schuld als versäumter Verantwortung. Sie befragt das Strafrecht und die moderne Psychologie zum Thema. Das Resümee: Schuld kann formal als Beziehungsbruch und Preisgabe personaler Identität verstanden werden und insofern als Selbstwiderspruch.

Aber solche formalen Bestimmungen hängen in der Luft "ohne die Annahme einer grundsätzlichen zwischenmenschlichen Solidaritätspflicht".

Das heißt einerseits: "Ohne Norm keine Schuld", und andererseits: "Jede Schuld hat ihr Forum", hat die kriminelle das Gericht, die moralische das Gewissen und eine letzte, die metaphysische Schuld (Jaspers), die Schuld nämlich, nicht das Äußerste getan zu haben, was jene Solidarität fordert - sie hat Gott.

Verstehen wir Normverletzung als Schuld ersten Grades, dann besteht die ",zweite', schwerer wiegende Schuld" darin, sich die erste nicht einzugestehen. Um diese, die zweite Schuld, und ihre politischen Folgen geht es Gesine Schwan in diesem Buch vor allem. Gemeint sind die aus der Diktatur stammende Schuld und ihre Folgen in der und für die Demokratie danach.