Ein Stern geht auf. Hell erstrahlt er über dem Stall. Ein Wunder ist geschehen. Ein Lamm ist uns geboren.

Die Financial Times trug die Kunde in alle Welt: "Polly, das geklonte Lamm, kann menschliche Proteine liefern", meldete das Londoner Wirtschaftsblatt am Donnerstag vergangener Woche. "Dies ist die Verwirklichung unserer Vision, gleich ganze Herden zu produzieren, die sehr schnell wertvolle, therapeutisch nutzbare Proteine in großen Mengen herstellen können", triumphierte Alan Coleman, Forschungsdirektor der schottischen Pharmafirma PPL Therapeutics.

Erstmals, so stimmten die Gazetten in das Hosianna ein, sei es gelungen, ein gentechnisch verändertes Tier aus einer Körperzelle heranzuziehen. Am Freitag abend war der Lobgesang plötzlich verstummt. Ein Blick in den biotechnologischen Schöpfungsbericht erklärt, warum.

"Hello Dolly", so hatte der Economist bereits im Frühjahr ein Lamm begrüßt.

Forschern des Edinburgher Roslin-Institutes, ihm ist die Firma PPL angegliedert, schien es gelungen zu sein, aus der Körperzelle eines erwachsenen Tieres ein neues Individuum heranzuziehen. Dolly war liebreizend, zweifellos ein ganzes Schaf und damit eine Sensation. In den Körperzellen erwachsener Tiere, so lautet nämlich ein biologisches Dogma, sind nur noch jene Gene aktiv, die zum Normalbetrieb der Zelle erforderlich sind. Der Rest des Erbguts ist gleichsam ausgeschaltet - und nicht oder nur schwer wieder aktivierbar. Die Wiedergeburt eines Schafes aus dem Kotelett, das galt bis zu den Sensationsmeldungen aus Schottland als unmöglich. Die Börse reagierte prompt: Kaum hatte Dolly das Licht der Welt erblickt, schnellten die Aktienkurse von PPL in schwindelerregende Höhen - ein warmer Regen für das verschuldete Unternehmen. Die Forschergemeinde reagierte dagegen verhalten.

Der Kölner Genetiker Klaus Rajewski und sein Kollege Werner Müller äußerten erhebliche Zweifel an Dollys Identität. Sie vermuten eine Verwechslung der Ausgangszellen. "Es ist denkbar, daß die Kulturen vertauscht wurden", glaubt auch Davor Solter vom Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie.

Sollte Dolly aus undifferenzierten embryonalen Stammzellen entstanden sein, entbehrt ihre Existenz tatsächlich jeder Sensation - und die Broker haben statt aufs Schaf auf eine Ente gesetzt. Denn erste Klonierungsversuche mit Embryozellen fanden bereits in den sechziger Jahren statt. 1984 wird das erste geklonte Schaf gemeldet. Rinder, Schweine, Ziegen, Kaninchen und Rhesusaffen folgen. Kürzlich verkündete John Gearhart von der Johns Hopkins University im amerikanischen Baltimore, er habe nun auch menschliche Stammzellen im Labor vermehren können (ZEIT Nr. 31/1997).