Vergangenes Jahr wurde in den Münchner Kammerspielen ein Stück von Herbert Achternbusch uraufgeführt. Es hieß "Der letzte Gast". Der letzte Gast ist der berühmte Geschichtsschreiber Thukydides. Er hält am Schluß eine Rede gegen die Todesstrafe. "Die habe ich", schrieb der Autor im Programmheft, "wortwörtlich übernommen."

Thukydides? In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte das "Münchner Originalgenie" Achternbusch auf die Bemerkung, er scheine sich ja ziemlich gut in die antike Literatur eingelesen zu haben, "des ist mir einfach wieder eingefallen, des g'hört ja zur Schulbildung. Ich hab' schließlich auch Abitur. Solche alten Wissensreste tauchen irgendwann halt wieder auf, und dann entsteht ein Bild."

Das klingt schön. Wissensreste, die wie Marmorbrocken in Olivenhainen herumliegen, einer Entdeckung harrend. "Meinen Sie, daß die blöder war'n als wir?" fragt der im bayerischen Bildungshimmel groß gewordene Wiedererwecker und setzt die Fragmente zu einem antiken Griechenland zusammen, in dem die Philosophie die Fragen unserer Zeit bereits gelöst hat.

Der Rezensent der Frankfurter Rundschau war von den "starken und hellsichtigen Sätzen, die Thukydides vor 2400 Jahren über die Todesstrafe geschrieben hat", schwer beeindruckt. Sein Kollege von der Frankfurter Allgemeinen bemäkelte zwar, daß, da jedermann im Theater gegen die Todesstrafe sei, die weisen Worte "Achternbuschs Antikenquarkprojekt" nur die "notwendige Dosis fruchtiger Gratismoral" zusetzten, die dem Stück ein bißchen Sinn verleihe. Aber die Idee ist schön - in ferner Vergangenheit unsere Sehnsüchte nach einer besseren und gerechteren Welt beantwortet zu finden. Wenn das mal gutgeht.

Thukydides. Wo soll man beginnen?

Mit Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1905? "Um 460 bis 400 v. Chr., aus dem attischen Gau Halimus, Sohn des Oloros, aus begüterter, hochangesehener Familie, war der größte Geschichtsschreiber des Altertums.

Weil er 424 als Admiral zum Einsatz des von Spartanern belagerten Amphipolis zu spät kam, wurde er mit Verbannung bestraft ( ... ). Ein jähes Ende läßt der unfertige Zustand seines Werkes über den Peloponnesischen Krieg vermuten, das im Jahr 411 abbricht und dessen letztes Buch nur skizzenhaft ist ..."