Helmut Kohl nahm sich der Sache persönlich an. Während seiner Indonesienreise im vergangenen Herbst hatte der dortige Technologieminister Jusuf Habibie dem Kanzler eindringlich vor Augen geführt, wie wenig attraktiv eine Hochschulausbildung in Deutschland für die nachwachsende Elite des Inselreiches geworden ist. Seine jungen Landsleute, so der einst an der Technischen Hochschule Aachen zum Dr.-Ing. promovierte Industrieplaner, orientierten sich mehr und mehr nach Australien und den Vereinigten Staaten.

Habibies Vorhaltungen blieben nicht ohne Wirkung, wie die Besucher der Bildungsmesse "Qualification Asia '97" Ende Juni in Jakarta feststellen konnten: Auf einem Gemeinschaftsstand der von der Hannover-Messe organisierten Lehr- und Lernmittelschau präsentierten sich erstmals drei deutsche Hochschulen mit speziell für Bewerber aus Fernost zugeschnittenen englischsprachigen Studiengängen. An den Bemühungen vor allem australischer Unis um indonesische Studenten können sich solche Kontaktversuche jedoch längst noch nicht messen lassen. Mit konzentrierter Werbung in den Medien lockt der fünfte Kontinent seit einigen Jahren gezielt fremde Studenten an seine Hochschulen - trotz der 1989 für Ausländer eingeführten Studiengebühren mit großem Erfolg. "Für die Australier ist Bildung eine Industrie geworden", sagt Klaus von Menges, Vorstandschef der im Indonesien-Geschäft stark engagierten Essener Handels- und Anlagenfirma Ferrostaal.

Nicht allein der Ruf deutscher Bildung steht auf dem Spiel. Mehr noch geht es um handfeste Wirtschaftsinteressen. Das technologisch ehrgeizige Indonesien, mit über 200 Millionen Einwohnern das viertgrößte Land der Welt, zeigt exemplarisch den Wert eines Netzes von Topentscheidern mit deutschem Bildungs-Background. Außer Habibie, ohne den bei großen Industrieprojekten kaum etwas läuft, gehören Präsident Suhartos Kabinett vier weitere Absolventen deutscher Hochschulen an. Einer von ihnen, Erziehungsminister Wardiman Djojonegoro, ebenfalls Ingenieur mit Aachener Diplom, versucht zur Zeit, das deutsche System der dualen Lehrlingsausbildung einzuführen. Doch Türöffner für die Deutschen wie Habibie oder Wardiman dürften bald rar werden. Studierten Mitte der siebziger Jahre noch 3300 junge Indonesier in Deutschland, so waren es im Wintersemester 1994/95 nur noch 2162.

Außer in Indonesien kann die Bundesrepublik auf dem Asien-Markt nur noch in Vietnam auf eine Führungselite mit starkem kulturellen Bezug zu Deutschland bauen. Zahlreiche Schlüsselfiguren in Politik und Wirtschaft haben in der früheren DDR studiert. Dagegen verschlägt es junge Studenten aus den boomenden Ländern Malaysia, Taiwan und Thailand kaum noch nach Deutschland.

Und auch die Japaner kommen immer seltener: Gerade einmal 1400 sind es zur Zeit. Von ihnen sind rund die Hälfte der Musik wegen hier und nur dreißig Prozent bei den Ingenieurwissenschaftlern eingeschrieben. "Ich habe in meiner Vorlesung über Automatisierungstechnik keinen Japaner", hat der Karlsruher Professor Hartmut Weule vom Katheder ausgemacht. Der frühere Daimler-Forschungschef sorgt sich nicht nur um das Beziehungsgeflecht der Industrie, sondern auch um das Führungspersonal deutscher Unternehmen vor Ort. Ein Asiate, der hier studiert habe, die deutsche Sprache und Kultur verstehe, könne, so Weule, mit seiner Zentrale viel besser zusammenarbeiten.

Für mittelständische Maschinenhersteller sind bei Auslandsinvestitionen lokale Spitzenkräfte mit deutscher Ausbildung fast unerläßlich, denn die Entsendung deutscher Mitarbeiter inklusive Familie wäre viel zu teuer. So kann sich der schwäbische Werkzeugmaschinen-Hersteller Berthold Leibinger (Trumpf) in Indonesien auf Vertriebspartner stützen, die an deutschen Hochschulen studierten und die ihrerseits ihre Kinder zur Ausbildung in die Bundesrepublik geschickt haben. Auf ihre Vermittlung gewann er einen Indonesier mit Berliner Ingenieurs-Diplom für den geplanten Zulieferbetrieb, in dem auf Trumpf-Maschinen Teile für andere Firmen gefertigt werden sollen.

Kein Zufall daher, daß gerade der mittelständisch geprägte Maschinenbau zuerst Alarm schlug. Eberhard Reuther, Chef des Hamburger Zigarettenmaschinen-Herstellers Körber und Vizepräsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), rief dazu auf, "die rapide abnehmende Attraktivität des deutschen Studienstandortes zu stoppen und umzukehren". Schon zuvor hatte der von Siemens-Chef Heinrich von Pierer geleitete Asien-Pazifik-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft die Hochschulen aufgefordert, sich "dem Wettbewerb um internationale Eliten stärker zu stellen".