Bonn

So, wie der Politiker faul ist und die Weihnachtszeit friedlich, so gilt das Sommerloch als unpolitisch. Es provoziert Spott, Ärger, bestenfalls Ungeduld. Wunder nehmen kann es einen nicht: Die Politiker schlüpfen aus der Verantwortung in die Badehose, die Willensbildung stockt, das Kabinett tagt ohne Kohl. Für sechs Wochen sind die klassischen Quellen politischen Denkens und Handelns versiegt. Statt dessen sprudeln Absonderlichkeiten: Politiker, die niemand kennt, verlangen Steuern auf Fahrräder und Pizzas. Sie überlegen, ob Eltern mehr Wahlstimmen zustehen als Kinderlosen, ob Mallorca in den deutschen Staatsverband gehört oder ob Gläubige mehr Schutz vor Gotteslästerung verdienen.

Das Politische, so scheint es, schmilzt und verdampft in der Sonne. Focus interviewt in seiner letzten Juli-Nummer Oskar Lafontaine: "Sommerpause, das heißt für Sie mehr Zeit für die Familie. Wickeln und füttern Sie ihren Sohn Carl Maurice?" - "Ja, sicher", sagt der Parteichef, "und manchmal stehe ich nachts auf, wenn er schreit. Er bekommt gerade seinen ersten Zahn."

Wollte da noch jemand behaupten, das Sommerloch werde zu Unrecht verhöhnt?

Ja. Aber der Reihe nach. Der Irrtum beginnt mit dem Begriff: Weil seit Tucholsky "ein Loch da ist, wo etwas nicht ist", geriet das Sommerloch in den Verdacht, dort zu sein, wo keine Politik ist. Das ist falsch, denn Löcher müssen nicht Abwesenheit von (politischer) Materie bedeuten. Löcher können - in Gestalt von Röhren - zur Verdichtung und Produktion dienen: Lange vor Kurt Tucholsky erkannte Georg Christoph Lichtenberg, "daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr".

Man muß sich die Sommerpause also als Röhre vorstellen. Als Loch wird sie ohnehin erst seit 23 Jahren bezeichnet. Die Dokumentationszentrale des Bundestages hat mit Hilfe ihrer "großspeicherorganisierten listenorientierten Ermittlungsmethode" die erste urkundliche Erwähnung des "Sommerlochs" auf den 13. September 1976 datiert. Zugeschrieben wird der Begriff dem damaligen Bundesbankpräsidenten Karl Klasen, der analysierte, daß der Aufschwung "im Sommerloch nachgelassen" habe. Drei Jahre später führte Kurt Biedenkopf das Wort in die politische Debatte ein, als er anmerkte, daß es seiner Partei, der CDU, nicht gelungen sei, "aus dem Sommerloch herauszukommen".

Es bleibt festzuhalten, daß Politik und politische Öffentlichkeit lange davon abgesehen haben, die Sommerpause tief zu hängen. Das hat Gründe. Der August ist in Wahrheit ein hochpolitischer Monat. Im August haben die Deutschen ihre letzten drei großen Kriege begonnen, beziehungsweise - im Falle des letzten - mit dem Hitler-Stalin-Pakt vorbereitet. In den ersten Augusttagen (des Jahres 1919) hat die Deutsche Nationalversammlung die "Weimarer Verfassung" verabschiedet. Gustav Stresemann bildete im August (1923) eine Regierung, die Nazis feierten im August (1927) einen Parteitag. Im August 1932 fand eine Reichstagswahl und im August 1934 eine Volksabstimmung statt. Auch die Bundesrepublik pflegte zunächst den Sommer als politischen Ort: Der erste Deutsche Bundestag wurde am 14. August 1949 gewählt.