Bravo & die Sixties Herr Herrwerth hatte sich geärgert. Letztes Jahr, als die Teenie-Postille ihren 40. Geburtstag beging, hatte er darin lesen müssen: "Bravo war das Sprachrohr der jungen Wilden." Die taz jubelte sogar: Das "Zentralorgan der Kids" sei stets ein "basisdemokratisches Medium" gewesen, "militärischen Mentalitäten" abhold und insbesondere das erste Blatt, das "Sexualität ohne den Ruch des Schamvollen" beschrieb. Herr Herrwerth rieb sich die Augen: die Bravo, ein Blatt der Revolte, ein linkes Aufklärungsprojekt?

Was ihn selbst nämlich in seinen Jahren zwischen Micky Maus und Spiegel begleitet hatte, war eine andere Bravo gewesen. Also setzte er sich hin und schrieb ein verspätetes Geburtstagsbuch: "Partys, Pop und Petting".

Untertitel: "Die Sixties im Spiegel der Bravo". Heimlicher Untertitel: "Die Wahrheit über die Bravo".

Die Wahrheit: Zwar gab es 1956 einen aufmüpfigen, antimilitaristischen Start (der erste Chefredakteur war eigenartigerweise der spätere Bild-Chef Peter Boenisch). Doch wurde, wie Thommi Herrwerth formuliert, die Bravo in den Sixties zum "Sprachrohr gegen jeden gesellschaftlichen, moralischen Wandel, in welcher Form auch immer er aufzukeimen drohte".

Da konnten draußen im Land die Haare noch so lang, die Rocksäume noch so kurz, die Pille noch so erhältlich und die Studenten noch so unruhig werden: Im Blatt war zu lesen, daß Bravo-Mädels "knusprig, tüchtig und reizend" wie der Bravo-Megastar Conny Froboess zu sein hatten daß sie, wie Cliff Richard empfahl, ihrem Freund still und bescheiden zuhören sollten, wenn er über Geschäftliches redete daß die Jungs so brav, nett, sauber, tadellos gekämmt und rasiert sein mußten wie Rex Gildo. Als Elvis sich endlich mal die Koteletten abschnitt, frohlockte die Bravo: "Haare im Kragen und über den Ohren sehen immer schmuddelig und unappetitlich aus. Parole: Haare kürzer.

Nicht nur, weil Presley es vormachte. Ein Bravo für ihn, ein Bravo den sauberen Köpfen!"

Bravo focht erbittert für die voreheliche Unschuld, wider die Selbstbefriedigung, für kalte Waschungen, wider das verderbliche Petting (die Pille war damals schon vier Jahre im Handel). Erst 1969 durfte man in der Bravo lesen, daß das Thema "jungfräulich vor den Standesbeamten treten" nun neu diskutiert werden müsse.