Es sind die ganz "normalen schlechten Dinge", die fürsorgliche Eltern an den Rand der Verzweiflung treiben. Schließlich sind sie felsenfest davon überzeugt, daß schon ein kleines bißchen Sex und Drugs und Rock 'n' Roll ausreiche, um die Kinder für immer aus dem Schoße der Familie zu reißen. Und dann ist der Weg vorgezeichnet, der direkt in die Gosse weist. Das Gegenbild: Andrea Marr in Blake Nelsons umstrittenen Jugendroman "Cool girl".

Sie könnte zum amerikanischen Bilderbuchmädchen der Neunziger werden. Kein kreischender Cheerleader, sondern witzig und klug, mit guten Chancen auf einen Platz in einem namhaften College. Obwohl sie mit Vorliebe und Ausdauer eben diese schlechten Dinge pflegt: Alkohol trinken, spät nach Hause kommen oder mit Jungen schlafen. Die "normalen schlechten Dinge" eben, die dafür sorgen, daß die Jugend nicht vorbeirauscht, sondern wenigstens als Erinnerung lebendig bleibt. Von dieser stürmischen Zeit erzählt Blake Nelson akribisch genau und in atemlos aneinandergereihten Sätzen. Stete Ortswechsel, harte Schnitte, die rasanten Übergänge von äußerer Handlung und kurzen, beinahe zusammenhanglosen Reflexionen machen "Cool girl" zu einem jugendliterarischen Videoclip mit Überlänge. Und doch steckt viel mehr analytische Genauigkeit dahinter, als die flimmernd bunte Oberfläche auf den ersten Blick ahnen läßt.

Andrea, nicht mehr Kind, aber noch nicht erwachsen, durchlebt drei Jahre High-School: Im ersten Jahr die abschätzigen Blicke der Älteren, dann die leise Befriedigung, nicht mehr zu den unbeachteten Frischlingen zu gehören und schließlich im Abschlußjahr die Welt jenseits des Schulhofs. Sie ist eine realistische Träumerin, die an die bedingungslose Liebe glaubt und doch von ihrer Unmöglichkeit weiß. Das einzige, das sie über die Jahre hinweg begleitet, ist die Freundschaft zu ihrer Mitschülerin Cybil, die als Sängerin der Schülerband Karriere macht, und ihre Liebe zu Todd, dem Sänger einer schon über die Grenzen hinaus bekannten Rockgruppe. Doch so weit entfernt er auch von der kleinstädtischen Enge Portlands ist, so wenig erstrebenswert erscheint ihr sein Leben. Wenn sie dann in Konzertpausen übereinander herfallen, mischt sich die jugendliche Lebensgier nach Ausbruch mit der desillusionierenden Realität, in der es für ihre Beziehung keine Zukunft gibt. Und so klingt Andreas Aufbruch ins College wie ein trauriger Abschied, der Schritt in ein Studentenleben mit langweiligen Sweatshirts und der Musik von Grateful Dead.

Blake Nelson gelingt nicht nur das Portrait eines Mädchens jenseits von Postfeminismus und Girlie-Debatte, sondern gleichzeitig eine Bestandsaufnahme. Der offene Konflikt mit den Eltern ist einer beidseitigen Sprachlosigkeit gewichen, der Ausbruch aus der Gesellschaft einem auf die eigene Befriedigung gerichteten Mitmachertum. Die Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte bieten dazu die glitzernden Accessoires, aus denen sich die Identität einer neuen Jugend zusammensetzt.

Sein bewußtes, aber zurückhaltendes Spiel mit den Symbolwelten aus Mode, Musik und Marken macht diesen Debütroman zu einer präzisen Chronik. Daß ein Mann dieses Buch geschrieben hat, mag ein Zeichen dafür sein, daß die Mädchenliteratur aus Frauenhand über den postfeministischen Diskurs möglicherweise in den Himmel, aber noch lange nicht überallhin kommt

Blake Nelson: Cool Girl Aus dem Amerikanischen von Hans Schumacher Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 1997 304 S., 29,80 DM