MoskauRußland, so glaubt hierzulande jeder glühende Patriot, wird vom Westen bedroht. Ob nun Napoleon, die Nazis oder die Nato, der teuflische Drang nach Osten wiederholt sich stets in neuem Gewand. Jetzt hat auch der Moskauer Patriarch Alexii II. Feinde an der Westgrenze des Reiches ausgemacht: "Ausländische Sekten und Missionare sehen Rußland als ein offenes Feld. Das ist eine Form der Osterweiterung, die mit derjenigen der Nato vergleichbar ist."

Um der "moralischen Destabilisierung" des heiligen Rußland zu wehren, liegt der orthodoxe Patriarch nun zum ersten Mal mit Boris Jelzin im Streit. Der russische Präsident hat vorige Woche sein Veto gegen ein neues Religionsgesetz eingelegt. Dieses war mit großer Mehrheit vom Parlament und dem Föderationsrat verabschiedet worden - unter lautstarker Ermunterung durch die orthodoxe Kirche. Patriarch und Präsident hadern um die Frage: Dürfen die Russen noch andere Götter haben neben dem der Orthodoxie?

Das neue Gesetz würde vier Glaubensrichtungen zu den traditionellen Religionen Rußlands erklären: die Orthodoxie, das Judentum, den Islam und den Buddhismus. Andere werden nicht erwähnt. Alle heute in Rußland bestehenden Kirchen müßten sich bis Ende 1999 neu registrieren lassen. Doch vor ihre Zulassung als "religiöse Organisation" schiebt das Gesetz schier unüberwindbare Hürden. Um für ganz Rußland anerkannt zu werden, muß die jeweilige Konfession seit mindestens fünfzig Jahren in Rußland verbreitet sein, für eine lokale Lizenz mindestens fünfzehn Jahre. Diese Bedingungen erfüllen nur Religionen, die sich in der alten Sowjetzeit ihren Verfolgern unterworfen hatten.

Diejenigen Konfessionen, die diese Hürden nicht überspringen, dürfen weder Eigentum besitzen noch religiöse Schriften publizieren oder Gottesdienste an öffentlichen Orten abhalten. Dem Patriarchen käme vor allem ein Bann der orthodoxen Abspaltungen gelegen. In der geistlichen Grauzone operieren künftig auch die katholische und die evangelische Kirche, die rechtlich nicht sicherer dastünden als Sekten.

Alle Kritiker des Gesetzes einschließlich Boris Jelzin meinen, es verstoße gegen die Verfassung von 1993, vor allem gegen Artikel 14. Der bricht unmißverständlich mit der russischen Staatskirchentradition: "Religiöse Vereinigungen sind vom Staat unabhängig und vor dem Gesetz gleich." Der Religionsbeauftragte der liberalen Duma-Fraktion Jabloko, Walerij Borschtschew, verdächtigt die Orthodoxie, sich Immobilien der religiösen Konkurrenz einverleiben zu wollen. Der Patriarch prangert derweil die Wühlarbeit der Sekten an. In der Tat werben die Moon-Sekte und der Monetärkult Scientology überall um Jünger. Die Maria-Dävi-Christus-Gemeinde erschreckte vor zwei Jahren Tausende von Menschen mit ihren Weltuntergangsszenarien die Katastrophenprediger wurden bestraft. Für das Verbot gefährlicher Sekten reiche das Strafgesetz aus, meint deshalb Verfassungsrichter Wladimir Strekosow. Die orthodoxe Kirche sieht das anders.

Sie warnt vor "geistlichem Rauschgift" - nur wenige Jahre nachdem sie selbst von dem marxistischen Vorwurf befreit wurde, "Opium für das Volk" zu sein.

Diese Angst ist nicht neu in Rußland. Schon zu Beginn dieses Jahrhunderts zog der konservative Oberprokuror des heiligen Synods, Konstantin Pobedonoszew, gegen das "Grundübel Europas" zu Felde: den Liberalismus. Unermüdlich geißelte er den "Mißbrauch der Freiheit" durch frömmelnde Sekten, deren Riten vor allem unter den Bauern weit verbreitet waren. In der Revolution von 1905 gehörte Pobedonoszew zu den erbitterten Kämpfern gegen das fortschrittliche Toleranzmanifest des Zaren. Wie er forderten damals zahlreiche orthodoxe Geistliche die Einheit von Autokratie und Altar, um "Auflösungstendenzen" im Volk durch einen religiös lackierten Nationalismus zu bekämpfen.