Die Neue Vorarlberger Zeitung wußte von hundertfünfzig Berichterstattern aus dem In- und Ausland zu erzählen, die es nach Bregenz getrieben hatte, um die Sensation der kleinen Hauptstadt des kleinen österreichischen Bundeslandes Vorarlberg kennenzulernen, das Kunsthaus. Schnell war von einem "grandiosen Bau" die Rede, auch von einer "Kulturmeile", die nun von der imposanten Seefestspielbühne vorbei am Landesmuseum und am Theater bis zu diesem Glasquader reiche. Auf dem schwarz asphaltierten Platz, den das neue Glasgebäude zusammen mit seinem flachen Verwaltungsbau davor bildet, sah man den Landesstatthalter Hans-Peter Bischof im Gespräch mit dem Architekten beider Gebäude, dem Schweizer Peter Zumthor, stehen und hörte den Satz herüberwehen: "Wir wollen uns am Ende doch nicht mehr streiten."

Nein, nun nicht mehr. Vormittags hatte der nun längst berühmte Architekt aus Haldenstein bei Chur auch schon nicht mehr wie tags zuvor an die vom Juryurteil erschreckte Bürokratie erinnert, nicht mehr an die aufhaltenden Streitigkeiten oder an das Geld, das er an seinen Qualitätsehrgeiz verloren hat, sondern hatte statt dessen die Bauleute gepriesen, die ihn anfangs als "Scheißarchitekten" verflucht, sich dann aber von seinem anspruchsvollen, im Wettbewerb mit dem ersten Preis ausgezeichneten Entwurf herausgeforder t gefühlt, den Bau schließlich "toll" gefunden und ihr wahres Können entfaltet hätten. "Blut und Tränen - und nun Vergnügen" also, sagte Zumthor dann auf englisch und ließ lächelnd das Bekenntnis folgen, Architekt sei doch "ein ganz schöner Beruf" und bekannte: "Ich bin gerne Architekt." Spätabends vor der Eröffnung am Freitag der vorigen Woche, beim Auftritt zweier Jazzmusiker, nahm sich der Architekt den Kontrabaß und duettierte mit dem Pianisten.

Glückes letzte Steigerung.

Ist ja auch wahr. Das Bregenzer Kunsthaus ist nicht nur der erste größere Museumsbau Österreichs seit 99 Jahren, seit Olbrichs Haus der Wiener Sezession am Karlsplatz, es ist auch ein Bauwerk von gleichem Anspruch, von ebenso eigenwilliger, wenngleich ganz anderer Schönheit, vor allem aber von sehr viel größerem konstruktiven Raffinement.

Diesen Ehrgeiz hatte nicht zuletzt der Bauplatz im Architekten provoziert.

Benachbart vom Gründerzeitbau der Post und von einem von Bäumen umrauschten Denkmalsplatz auf der einen Seite, auf der anderen vom Landesmuseum und dem Vorarlberger Theater am Kornmarkt, fügt es sich in die Uferfront stattlicher Gebäude, hundertfünfzig Meter vom Bodensee entfernt. In dieser lockeren Versammlung ist es der strahlende Kristall. Es spielt seine Rolle selbstbewußt und virtuos und nimmt die Irritation in Kauf, die es mit seiner fensterlosen, auf allen Seiten gleichen Fassade aus geätztem Glas erzeugt.

Ihre eigenartige Zeichnung verdankt die Fassade den mehr als siebenhundert mächtigen Glasschindeln, aus denen sie zusammengesetzt ist, eine Art von Schindel- oder Schuppenkleid. Den Architekten ließ die Fassade auch an "ein leicht gesträubtes Gefieder" denken, und "durch die offenen Fugen streicht der Wind".