Diese Sintflut ist ein zutiefst mitteleuropäisches Ereignis und ein politisches Lehrstück. Sie traf das nie so recht zustande gekommene "eiserne Dreieck" des ehemaligen Ostblocks, verwüstete in Tschechien, Polen und Brandenburg ganze Landstriche und kostete weit über hundert Menschen das Leben. Die Oder, seit 1945 sträflich vernachlässigter Schicksalsstrom der Polen und Deutschen, hat Eigensinn ebenso unerbittlich bloßgestellt wie Kopflosigkeit oder Eitelkeiten. Katastrophen sind oft von Chaos, Kompetenzwirrwarr und Unfähigkeit auf seiten der Verantwortlichen begleitet.

Diese Flut aber zeigte nicht nur, wie unterschiedlich man in Mähren, Schlesien und Brandenburg auf die Ausnahmesituation reagierte, sondern auch, wie fremd sich unsere staatlichen Strukturen, Kommunikations- und Entscheidungssysteme immer noch sind.

Die schlimmste Überschwemmung, die diese Region Europas seit Jahrhunderten heimgesucht hat, ließ aber auch erkennen, was inzwischen entlang dieser vor über fünfzig Jahren willkürlich gezogenen Grenze an organischem Miteinander gewachsen ist. Staatliche Behörden, karitative Institutionen, Gemeinden und Menschen bewiesen ein enormes Maß an spontaner Solidarität. Den wahren Freund lernt man in der Not kennen, sagt ein Sprichwort im Polnischen wie im Deutschen. Und so geschah es.

In Polen, das gerade zögernd begann sein neues Image des wirtschaftlichen kleinen Tigers in Europa liebzugewinnen, wollte man die heraufziehende Katastrophe erst nicht wahrhaben. Die Regierung schwelgte im Hochgefühl des internationalen Respekts, die Parteien waren bereits vom ideologischen Gerangel vor den Wahlen im September absorbiert, und die Menschen standen noch unter dem Eindruck des Papstbesuches. Polen schien es endlich geschafft zu haben. Auch die Medien bagatellisierten das Hochwasser im benachbarten Tschechien zunächst, sahen darin wie üblich ein eher virtuelles Ereignis, das einen selbst nicht treffen kann - "wir sind doch nicht Bangladesch".

Und wir sind es doch. Als die Flutwelle Glatz, Oppeln, Liegnitz überrollte und dann Breslau bedrohte, waren die Einwohner fast ganz auf sich selbst angewiesen. Die Polen, die schon zu glauben begannen, daß sie Europa einholen, sahen sich wieder in ihre alte Rolle zurückgeworfen. In Tschechien (das glücklicherweise seine Wahlen hinter sich hat) schien der Staat nicht schlecht zu funktionieren das Parlament verabschiedete schnell die nötigen Gesetze, und der Krisenstab hatte die Unterstützung aller politischen Kräfte.

In Polen war vom Staat, den die postkommunistische Linksallianz mit der Bauernpartei regiert, anfangs wenig zu spüren dafür aber bildeten sich nach altvertrautem Muster spontan informelle Strukturen und solidarische Selbsthilfegruppen.

Auch die deutsche Hilfe startete nach dem aus den achtziger Jahren vertrauten Muster. Daß man aber mit der alten Romantik des alternativen Untergrundstaates einer Naturkatastrophe nicht beikommen kann, erwies sich sofort, als etwa Hilfstransporte aus Brandenburg für Breslau stundenlang an der Grenze warten mußten, weil der Warschauer Krisenstab es versäumt hatte, ein offizielles Hilfeersuchen nach Potsdam zu faxen. Kommunikationsnetze zwischen der Zentrale und den überschwemmten Gebieten brachen zusammen, weil die Frequenzen nicht koordiniert waren. Politiker sagten, was sie wußten, wußten aber nicht immer, was sie sagten. Und die Menschen waren empört.