An "Jahrhundertfluten" hat es in den vergangenen Jahren nicht gefehlt.

Jetzt ist an der Oder ein "Jahrtausendhochwasser" zu besichtigen. Diesen Begriff hat Werner Müller geprägt, der Staatssekretär im brandenburgischen Innenministerium. Einmal ausgesprochen macht das Wort in der Medienwelt schnell die Runde.

Doch Vorsicht vor Superlativen! In Köln wurden, als der Rhein mächtig über die Ufer trat, die Eisbären aus dem Zoo gespült. 1926 war das. 69 Jahre später stand die Altstadt tagelang unter Wasser, und Überschwemmungen an Main, Mosel, Neckar und Saale verwandelten Flußlandschaften in Seenplatten.

In Passaus Straßen betrug im Juni 1965 der Pegelstand zwei Meter. Auch die Oder war in diesem Jahrhundert kein allzeit braves Flüßchen. Im März 1947 brachen nach Dauerregen und Schneeschmelze mehrere Deiche, 15 Menschen ertranken, 20 000 wurden evakuiert.

Nicht nur die Suche nach aberwitzigen Superlativen an den Oderdeichen, auch die Fahndung nach Schuldigen erinnert an frühere Hochwasser. Wieder einmal werden die Versiegelung der Landschaft und das Waldsterben im Quellgebiet als Ursachen ausgemacht es heißt sogar, das scheinbar extreme Wetter sei Vorbote einer menschengemachten Klimakatastrophe. Derlei Spekulationen hält Mojib Latif, der Sprecher des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, für Unfug. Zwar habe sich die Erdtemperatur aufgrund menschlicher Einflüsse in den vergangenen hundert Jahren erwärmt, allerdings nur um etwa einen halben Grad. Auswirkungen auf das Wetter seien aber nicht nachzuweisen. Die wahren Gründe für das Desaster an der Oder klingen eher banal: Es hat viel geregnet, und die Menschen siedeln zu nah an den Flüssen.

"Derartige Niederschläge sind gerade im Sommer keine Seltenheit", sagt Diethard Westerholt, Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst in Berlin, über das Unwetter, das Anfang Juli an den Südhängen des Riesengebirges, dem Altvatergebirge und den nördlichen Ausläufern der Karpaten niederging. Das Tief Xolska schüttete bis zu 580 Liter pro Quadratmeter aus, was einer Wassersäule von mehr als einem halben Meter Höhe entspricht. Meist ziehen solche Tiefs mit rund 20 Stundenkilometern übers Land, Xolska aber bewegte sich vier Tage lang nicht. "Der Boden konnte kein Wasser mehr aufnehmen", sagt Hans Helmut Bernhart, Experte für Wasserbau an der Universität Karlsruhe, "die Versiegelung der Landschaft hat da überhaupt keine Rolle gespielt." Ein zweites Tief namens Zoë, weniger intensiv, aber ebenfalls ortstreu, ließ dann das Einzugsgebiet der Oder vollends überlaufen. Die große Katastrophe ereignete sich keinesfalls am brandenburgischen Oderufer, sondern weiter südöstlich. Weite Teile Südpolens und Tschechiens versanken in den Fluten, mehr als 100 Menschen starben. Über Dämme hinweg bahnten sich die Flüsse ihren Weg zurück in ihre natürlichen Überschwemmungsgebiete und Nebenarme. In Polen zerstörten die Fluten 46 000 Wohnungen, und 50 000 Menschen konnten bis heute nicht in ihre Häuser zurückkehren. "Es bleibt ein Problem, hinter Deichen zu siedeln", sagt Heinz Engel von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. "Ein absoluter Schutz vor dem Wasser ist nicht möglich." Das zeigt sich regelmäßig am Rhein. Europas längste Regenrinne ist auf deutschem Gebiet zu 83 Prozent kanalisiert. Während der Strom im Oberrheingraben früher auf 10 Kilometer Breite in Richtung Nordsee mäanderte, fließt das Wasser heute in einem 200 Meter engen Flußbett zu Tal und schwappt immer wieder über die Ufer.

So ähnlich wie an den Flüssen Mississippi und Missouri, die weitgehend eingedeicht sind. Dort führte der Eingriff des Menschen zur "Jahrhundertflut". Weil überall Deiche standen und die Flußrinne an den Engstellen das Wasser nicht aufnehmen konnte, wurden im Regensommer des Jahres 1993 neun amerikanische Bundesstaaten weitflächig überschwemmt. Die Oder ist zwar nicht in ein so enges Korsett gezwängt, doch gerade am jetzt bedrohten Oderbruch nördlich von Frankfurt sind die Spuren des Menschen nicht zu übersehen. Die bis zu 15 Kilometer breite und 55 Kilometer lange Niederung ließ der Preußenkönig Friedrich der Große um 1750 trockenlegen. Mit jedem weiteren Deichausbau erhob sich die Oder seither in ihrem Kunstbett noch höher über das umliegende Land. Das Wasser sickert jetzt an unzähligen Stellen durch die mehr als 8 Meter emporragenden Deiche. Sollten sie bersten, liefe das Oderbruch wie eine Badewanne voll. Die Evakuierung der rund 20 000 Einwohner stand Dienstag nacht unmittelbar bevor, viele Menschen hatten Haus und Hof bereits verlassen.