ISNY. - Unlängst, es war ein Freitag, fuhr ich zum Einkaufen in die Stadt. Ich schaltete das Radio an, um die Nachrichten zu hören, die Bayern 5 um 8.15 Uhr sendet. Zuvor kommt immer ein Bericht über die Lage an den Börsen. An jenem Tag begann die Ansagerin mit einer Meldung aus den USA: "Aus den Vereinigten Staaten wird von einem Anstieg der Arbeitslosenziffer berichtet. Da man sich hiervon Auswirkungen auf die Zinsen verspricht, sorgte die Nachricht für Hochstimmung an der Börse ..."

Ich drehte das Radio aus. Obschon ich mich für abgebrüht halte, durchzuckten mich diese Sätze wie ein Stromschlag. Knapper kann man die Gegenwartslage ja wohl kaum zusammenfassen: hier wachsende Arbeitslosigkeit, sprich Massenelend - dort Jubel an den Börsen.

So ist die Realität des Turbokapitalismus von heute: Shareholder value heißt das Goldene Kalb, um das getanzt wird. Vollbeschäftigung? Sozialbindung des Eigentums? Floskeln aus der Mottenkiste, die auf den Müllhaufen der Geschichte gehören, weil sie das Wachstum der Rendite bremsen ...

Vor rund fünfhundertfünfzig Jahren gab es einen deutschen Kaiser namens Sigismund, der eine "Reformbotschaft" erließ, 1438 war das (heute würde man den Text "sozialpolitisches Thesenpapier" nennen). "Die Zünfte und Gilden sind zu dem Zwecke erfunden worden, daß Jeder durch sie sein täglich Brot verdiene und Niemand ins Handwerk des Anderen übergreife", hieß es darin. "So wird die Welt ihr Elend los, und Jeder kann seinen Unterhalt finden und Jeder seiner Nahrung sicher sein."

Das kaiserliche Ziel war also eine Art Solidargemeinschaft, und die Wege dorthin hießen Vollbeschäftigung und Planwirtschaft. Natürlich stand das nur auf dem Papier, die mittelalterliche Planwirtschaft funktionierte allenfalls ansatzweise und hatte auf Dauer keinen Bestand. Den Zünften und Gilden läuteten die Fugger und Welser das Totenglöckchen - Global Players würde man die mächtigen Handelshäuser heute nennen. Und andere Planwirtschaften, die den Kapitalismus überwinden sollten, funktionierten auch nicht.

Aber ist das ein Grund, das Ziel einer Solidargemeinschaft völlig zu den Akten zu legen? Ist das ein Anlaß, die soziale Frage einfach von der Tagesordnung zu streichen, nur weil sie nicht befriedigend beantwortet wurde?

Heute stellt sie sich wieder, und zwar mit neuer Schärfe. Bloß das politische Establishment will offenbar nichts davon hören, mag die Zahl der Arbeitslosen auch immer neue Höhen erklimmen.