Engländer tragen für alle Fälle immer einen Regenschirm mit sich herum Israelis ein - Handy. Die Flut drahtloser Telephone setzte im Dezember 1994 ein, als ein neues israelisches Konsortium namens Cellcom der amerikanischen Firma Motorola Konkurrenz machte und seinen Kunden für ein sogenanntes Pelephon (auf hebräisch etwa "Wunderphon") Gebühren anbot, wie es sie so niedrig wohl nirgends auf der Welt gibt.

Kommunikationsministerin Limor Livnat ist stolz auf Israels vierten Platz, wenn es um die Zahl der Handybesitzer im internationalen Vergleich geht: 900 000 bei einer Bevölkerung von 5,8 Millionen. Das kleine Land verweist damit Industriestaaten wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien auf die Plätze. Beim Gebrauch des Telephons (ob drahtlos oder nicht) haben die Israelis bereits den zweiten Platz in der Welt erreicht - knapp hinter den Vereinigten Staaten. Der Durchschnittsisraeli telephoniert 1100mal im Jahr, der Durchschnittsdeutsche dagegen nur 644mal. Klare Weltmeister schließlich sind die Israelis, wenn es um die Dauer ihrer Handygespräche geht. Sie hängen viermal so lange an der (unsichtbaren) Strippe wie die Amerikaner, die immerhin schon 150 Minuten im Monat reden. So weit die Statistik.

Die Konsequenzen für die israelische Gesellschaft kann sich nur schwer ausmalen, wer sie nicht selbst täglich erleiden muß. Von Cellcom eigens herausgegebene Anstandsbroschüren ("Bitte schalten Sie das Pelephon während eines Konzerts oder einer Kinovorstellung aus!") haben den Sittenverfall bisher kaum aufhalten können. Seitdem es unter hoher Strafe verboten wurde, das Handy hinter dem Lenkrad zu bedienen, sieht man immer mehr einsame Autofahrer, die heftig vor sich hin gestikulieren und reden. Sie haben ihr Gerät längst nach Vorschrift an einen Lautsprecher angeschlossen. Es gibt einfach keinen Ort mehr, wo es kein Pelephon gibt - Klagemauer, Busse, Supermarkt, Strand und Sauna eingeschlossen.

Was das bedeutet, erkennt man oft erst auf den zweiten Blick. "Wenn Sie in Israel auf einer Feier nichts mit Ihren Tischnachbarn gemein haben, ist Ihr Abend nicht unbedingt verloren. Sie können Ihre eigene Gesellschaft an den Tisch bringen", empfiehlt einer der vielen Zeitungsberichte. "Verrückte, mit Handys bewaffnet", so klagte die Jerusalem Post, brächten es fertig, daß man inzwischen nirgends mehr den trivialsten Gesprächen seiner Zeitgenossen entkommen könne. Auch von Israel als "zellulare Supermacht" war bereits die Rede.

Für den lange von Israel gesuchten palästinensischen Bombenbauer Jahja Ayyasch wurde sein Handy zur tödlichen Falle. Als er im Januar vergangenen Jahres ein Gespräch mit seinem neuen Pelephon entgegennehmen wollte, explodierte dieses in seiner Hand. Seither gibt es genug schwarze Witze in der arabischen Welt etwa darüber, daß Saddam Hussein sein Telephon von anderen abheben lasse. Die wahre Ironie der Geschichte: Der Chef des israelischen Geheimdienstes wechselte kurz nach Ayyaschs Tod seinen Job - um Direktor von Cellcom zu werden.

Völlig harmlos hingegen ist ein Mango, das vor allem für Kinder konzipiert wurde. Mit einem solchen Handy können zwar alle Gespräche entgegengenommen werden, der Benutzer selbst kann aber immer nur eine fest eingespeicherte Nummer anwählen. Das senkt die Kosten. Auch der israelische Rundfunk schickt aus diesem Grund seine Journalisten nur noch mit einem Mango auf Reportage.

Um den Markt noch mehr zu beleben, hat das Erziehungsministerium beschlossen, allen Lehrern im Land ein Handy zu schenken. Nur die Gebühren müssen sie selber bezahlen. Einer der Pädagogen (der schon eins hatte) gab deshalb seines großzügig an eine Auslandskorrespondentin weiter, die bis dahin nur über den Gebrauch von Handys gespottet hatte ...