Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hat nichts von seiner Faszination verloren, im Gegenteil: Die Frage, ob die Eskalation des Sommers 1914 unvermeidlich war, wird derzeit unter neuen Perspektiven intensiver diskutiert als zuvor. So hat eine Gruppe Kölner Forscher untersucht, mit welchen Mitteln es gelungen ist, internationale Krisen zu deeskalieren. Zur Debatte stand der Zeitraum zwischen dem Ende des Krimkrieges, dem letzten Krieg im 19. Jahrhundert, an dem mehr als zwei Mächte direkt beteiligt waren, und dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Insgesamt wurden 33 internationale Krisen untersucht und in Fallstudien für den Leser aufgearbeitet.

Der Band bietet ein umfassendes Panorama der internationalen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist zugleich ein Beispiel für die bemerkenswerte Renaissance, welche die internationalen Beziehungen in der deutschen Geschichtswissenschaft derzeit erfahren. So lesen sich diese Studien über "vermiedene Kriege" auch als Belege für die 1967 formulierte These Andreas Hillgrubers, wonach sich die Spannungen im Jahrzehnt vor 1914 vor allem aus der "Rückwendung der Großmächte von Übersee nach Europa" seit 1905 erklären lassen.

Keine Erwähnung findet allerdings das internationale Konfliktmanagement während der Julikrise. Gewiß, es scheiterte, und der Marsch der Völker Europas in den Krieg schien unaufhaltsam. Aber warum gelang im Juli 1914 nicht mehr, was in den großen internationalen Krisen, auch noch auf dem Balkan 1912/13, funktioniert hatte? War der Wille zum Frieden erschöpft?

Fehlten die Staatsmänner, die mit Krieg drohten, weil sie ihn verhindern konnten und verhindern wollten?

Als ein solcher gilt gemeinhin Staatssekretär Alfred von Kiderlen-Wächter, der von nicht wenigen als der letzte "Bismarckianer" im Auswärtigen Amt betrachtet wurde und dessen plötzlicher Tod im Dezember 1912 eine Lücke in den Reihen der deutschen Diplomatie hinterließ. Immerhin hatte er in seiner kurzen, knapp zweieinhalbjährigen Amtszeit einige Erfahrung im Konfliktmanagement sammeln können, insbesondere in der Zweiten Marokkokrise 1911, deren Zuspitzung nicht zuletzt auf sein Konto ging.

Wie kaum eine andere hat diese schwere Krise die wissenschaftliche Neugier stimuliert und die Forschung im Laufe der Jahrzehnte beschäftigt. So muß sich die jüngste Arbeit von Thomas Meyer zwangsläufig in vertrauten Bahnen bewegen. Eigentlich zerfällt sie in zwei Teile, deren erster das Thema öffentliche Meinung in Deutschland seit der Reichsgründung zum Gegenstand hat und sich hier auf einem ebenso wohlbekannten, allerdings von Meyer mit Fleiß und Kenntnis noch einmal gründlich beackerten Terrain bewegt wie der zweite Teil, der einmal mehr den Verlauf der Zweiten Marokkokrise aus den Akten rekonstruiert. Das ist solide Politikgeschichte - mit interessanten Einblicken in den Prozeß politischer Willensbildung in Deutschland nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Auch nach dieser Studie bleibt es bei dem, was man wußte: Die Aktion des Sommers 1911 war eine "defensive Reaktion auf das Drängen einer sich im nationalistischen Rausch verzehrenden deutschen Öffentlichkeit".