So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen: In 27 Ländern auf allen Kontinenten ließ die Schweizerische Bankiervereinigung in den größeren Zeitungen, so auch in der ZEIT und über das Internet, auf drei oder vier Zeitungsseiten die Namen von 1872 ausländischen Kontoinhabern veröffentlichen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen gelten. Alle Leute, die Ansprüche erheben wollen, können sich bei eigens dafür eingerichteten Büros in New York, Tel Aviv, Sydney, Budapest und Basel melden.

Diese aufwendige Unternehmung mutet wie ein Befreiungsschlag in höchster Not an, ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst das geheiligte Bankgeheimnis wurde gelüftet. In der Tat droht den Schweizer Bankiers Fürchterliches: Noch in dieser Woche wird ein amerikanischer Richter in Brooklyn darüber befinden, ob die Sammelklagen von Opfern des Holocaust gegen Schweizer Banken zulässig sind. Man weiß ja - die VW/Opel-Kontroverse hat es jüngst wieder gezeigt -, daß amerikanische Gerichte bei Schadenersatzforderungen nicht zimperlich sind - von den Anwaltskosten ganz zu schweigen.

Zudem will noch bis zum Herbst eine Wirtschaftsprüfungskommission unter dem Vorsitz des ehemaligen Präsidenten der US-Zentralbank, Paul Volcker, nach weiteren jüdischen Konten suchen. Und eine internationale Historikerkommission hat soeben 21 ausgewählte Forscher bestimmt, die binnen zwei Jahren einen Bericht über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg vorlegen sollen - auch sie haben Zutritt zu den Bankarchiven.

Aber das weltweite Echo auf die Inserate läßt befürchten, diese Aktion sei ein Schlag ins Wasser gewesen. Viele Überlebende des Holocaust oder deren Nachkommen sind enttäuscht, weil ihr Name nicht auftaucht. Die mit Trauerrand versehene Überschrift, daß man "die Berechtigten an nachrichtenlosen Konti aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs" finden wolle, weckte falsche Hoffnungen.

Denn von den aufgeführten 1756 Konteninhabern - dazu kommen noch die Adressen von 116 Bevollmächtigten - sind möglicherweise nur ein Fünftel jüdischer Herkunft.

Will man nicht annehmen, wie es Vertreter jüdischer Organsationen jetzt tun, dieses Outing der Banken diene lediglich dem Zweck, die Welt zu überzeugen, daß kaum noch jüdische Konten vorhanden, also auch nicht Milliarden Franken zu erwarten sind, dann bleibt wirklich nur der Eindruck, hier seien in blinder Panik alle irgendwie verfügbaren Listen durch den Computer gejagt worden. So standen denn auf einmal Opfer und Täter nebeneinander. Die große Mehrheit besteht aus Bankkunden, die mit der ganzen Sache gar nichts zu tun haben, trotzdem werden ihre Namen einer neugierigen Öffentlichkeit preisgegeben. Wie weit die Spannbreite reicht, belegen die nebenstehenden Berichte. Die Banken hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Adressen zu prüfen - oft hätte ein Anruf genügt, um die Diskretion und den Datenschutz zu wahren. Sogar die ansonsten sehr zurückhaltende Neue Zürcher Zeitung sprach von der "Schlamperei einiger Bankiers" und einer "veritablen Ohrfeige für die ganze Schweiz". Der Präsident der Bankiervereinigung, Georg Krayer, der die vollständige Liste erst zu sehen bekam, als es für Korrekturen schon zu spät war, verbarg nicht seine Scham: Kein Feigenblatt sei groß genug, um die Nachlässigkeiten seiner Kollegen zu verdecken.

Was soll man auch davon halten, wenn nach dem bis 1945 reichsten Mann Ungarns, dem Fürsten Esterhazy, Sproß eines berühmten europäischen Fürstengeschlechtes, gesucht wird, der als Emigrant in Zürich gestorben ist, wo seine Witwe immer noch wohnt? Oder wenn die amerikanische Botschafterin in der Schweiz, Madeleine Kunin, in der Zeitungsanzeige auch den Namen ihrer Mutter findet, die Anfang des Krieges aus Angst vor einer deutschen Invasion mit ihren Kindern nach Amerika ausgewandert war?