Spanier lieben es rosarot und mit Himbeeraroma, Italiener greifen zum Zäpfchen, Argentinier schütten weißes Pulver aus Tüten ins Glas, Amerikaner schlucken lackierte Pillen, und hierzulande schäumt die Brausetablette. Aspirin, unser täglich Arznei - gegen Kopfweh, Erkältung oder Kater; sie taucht zwar in immer neuen Formen auf, enthält aber seit nunmehr genau hundert Jahren den altbewährten Wirkstoff, Acetylsalicylsäure, kurz ASS.

Das simple Molekül lindert Schmerzen, senkt Fieber, hemmt Entzündungen und mindert das Risiko des Herzinfarkts und Schlaganfalls. Mittlerweile deuten Studien an, daß es sogar das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen verringert. All das hat ASS zu dem am häufigsten verwendeten Medikament der Welt gemacht. Jedes Jahr verarbeiten Hunderte von Pharmaherstellern weltweit mehr als 50 000 Tonnen ASS zu Präparaten, Deutschlands vier meistverkaufte Arzneimittel enthalten allesamt diese Wirksubstanz.

Sie leitet sich ab von einem Inhaltsstoff der Silberweide (Salix alba), der Salicylsäure, die Ohrensausen sowie Brechreiz verursacht und bei längerer Einnahme die Schleimhäute zerfrißt. Am 10. August 1897 ließ der Bayer-Chemiker Felix Hoffmann die grauenhaft schmeckende Weidensubstanz mit Essigsäure reagieren: Die erheblich magenfreundlichere Acetylsalicylsäure war geschaffen, unter dem Phantasienamen Aspirin hat sie die Welt erobert.

Hoffmanns Enkel sind inzwischen vom Rhein in das sachsen-anhaltische Bitterfeld gezogen. Von hier aus, wo einst das größte Chemiekombinat der DDR die Luft verpestete und das Wasser verseuchte, rollen heute die Aspirin-Pillen auf alle Märkte Europas, bloß Albanien fehlt als Kunde. Wo früher Öl und Säure aus leckgeschlagenen Rohren quollen, haben die Bayer-Leute die Aspirin-Herstellung zur Perfektion getrieben. In Form, Inhalt, Stabilität, Geschmack und Gewicht müssen die weißen Tabletten sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Abweichungen von fünf Prozent sind geduldet; sollte eine Charge die strengen Kriterien nicht erfüllen, dann würde sie auf dem Sondermüll landen. So muß "Aspirin plus C", die Brausetablette mit Vitamin C, sich in genau hundert Milliliter Wasser, das präzis zwanzig Grad Celsius kalt ist, in weniger als sechzig Sekunden auflösen. Nach solchen Vorgaben testen die Bitterfelder Pharmazeuten in ihren Labors.

"Das schlimmste ist, wenn die Qualität schwankt", sagt Thomas Klumpp, Apotheker und Betriebsleiter in der Bitterfelder Aspirin-Fabrik, über die hohe Kunst des Pillendrehens. Jede einzelne der zwölf Tablettenpressen spuckt jede Stunde 150 000 Pillen aus. Mißtrauen, Sauberkeit und Präzision bestimmen und begleiten die Entstehung der Einheitstabletten. Bevor die Pillenmacher das weiße ASS-Pulver mit Maisstärke oder anderen Substanzen vermischen, sieben sie sämtliche Ingredienzen erst einmal. Insektenbeinchen und Schrauben seien dabei schon entdeckt worden, erzählt Klumpp. Dem Lieferanten unreiner Chemikalien steht in diesen - freilich seltenen - Fällen mächtig Ärger ins Haus.

Die Bayer-Arbeiter, gekleidet in Overalls aus Baumwolle und weißen Hauben, dürfen den Chemikalien nicht zu nahe kommen. "Ein Barthaar in einer Tablette, das wäre nicht so gut", sagt der vierzig Jahre alte Klumpp. Drei bis sechs Tage verstreichen, bevor das, was im siebten Stock der Fabrik in ein Sieb geschüttet wird, im Erdgeschoß als Aspirin-Tablette herauspurzelt. Ein Schneckengang mit Transportrobotern, Putzkolonnen, tonnenschweren Mischzylindern - und viel Geheimniskrämerei. Bei der Produktion der 3,2 Gramm schweren Aspirin plus C zum Beispiel pressen die Bayer-Apotheker mehr in eine Pille, als sie Käufern und Konkurrenzfirmen auf dem Beipackzettel verraten. Auf dem sind 0,4 Gramm ASS und 0,24 Gramm Ascorbinsäure (Vitamin C) und eine ungenannte Menge an Natriumhydrogencitrat aufgeführt. Daß auch Natriumhydrogencarbonat (Bestandteil des Backpulvers und im Supermarkt als "Kaisernatron" zu haben) in die Pille kommt, wird verschwiegen. Ebenso vertraulich ist der Wasseranteil, der für die Chemie der Brausetablette entscheidend sei, wie Thomas Klumpp versichert. "Die Tablette soll im Glas ja nicht explodieren, sondern gleichmäßig aufschäumen."

Der Bitterfelder Weg hat seinen Preis, Bayers ASS-Präparate, zu denen auch Alka Seltzer gehört, sind zum Teil erheblich teurer als ebenbürtige Präparate der Konkurrenz. Die Standardpille Aspirin mit 0,5 Gramm ASS kostet knapp 36 Pfennig, die vergleichbare ASS-ratiopharm 500 aus dem Hause Ratiopharm in Ulm ist für zwölf Pfennig in der Apotheke zu haben.