Als sie die erste Liste mit Namen von bisher namenlosen Holocaust-Konten veröffentlichten, rutschten ihnen unter die Namen der Opfer auch Nazigrößen als Kontoinhaber. Die Schweizer Banken sind in der Aufdeckung glückloser als in der Verdeckung. Verbergen fällt uns nun mal leichter als Entbergen, scheinen sie hilfesuchend in die Welt zu rufen, laßt uns weiter auf dem Gebiet frei handeln, auf dem wir gut sind. Im Herbst folgt (muß folgen) eine zweite Liste mit Kontoinhaber-Namen von Opfern; nach dieser Liste, so Edgar Bronfman, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, dürfte das Schweizer Bankgeheimnis definitiv fallen. Wir werden sehen, wieviel wir sehen werden.

Der Hintergrund der Affäre um das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ist der Holocaust. Er erlaubt nur Kommentare mit höchstem Schwarz-Anteil. In einer der seltsamsten semantischen Drehungen wird die Außenansicht der Bewältigung der Affäre (die Genitive veranschaulichen die sich brechenden Beobachter-Ebenen) mit zunehmender Gegenwarts-Lastigkeit immer kauziger, verschrobener, mental gestörter, mit steinerner Nervosität, aber auch echter Wut wegen des gestörten Mittagessens aufgeladen. Die Lage ist ernst, todernst sogar; und doch riecht man - wer kann das schon protokollieren wie früher Dürrenmatt? - immer auch das angebrannte Schnitzel auf dem unzerstörbaren Schweizer Mittagstisch.

Vielleicht ist der ja inzwischen auch zerstört, aber eins hat die Affäre inzwischen deutlich gemacht: Die Schweiz ist das Land der, wie soll ich's ausdrücken, nicht sehr phantasiebegabten, aber durchaus ungebundenen und unermüdlichen Zurechtlegungs-Phantasien. Ich fürchte, in allen Köpfen hier ist diese Schweiz immer doppelt da, mit automatischer Umschaltung. Einerseits als Realie, wenn alles gutgeht, andrerseits, klick, wenn's schlecht geht, als Wunschkonzept. Ein Gleiches gilt für die Rück- und Voraus-Interpretation ihrer sämtlichen Handlungen. Schriftlichkeit und deren Fixierungen stören da nur. Die Schweiz schreibt. Die Schweiz liest. Die Schweiz nimmt nie zur Kenntnis. Dies alles ist nicht erst seit der Affäre so. Die Schweizer waren immer kollektiv improvisierende Meister-Zurechtleger, erreichen in kürzester Zeit einen Überzeugungs-Siedepunkt. Sie glauben alles, wozu sie sich anheizen, halten den Glauben kurzfristig, lassen ihn zerfallen, versinken in Apathie und Schläfrigkeit, steuern dann aufgrund neuer Zurechtlegungs-Bedürfnisse auf den nächsten Siedepunkt zu. Man hat nie richtig hinter ihre geschäftsfromme Holzgeschnitztheit geschaut. Es sind lebenslang geräucherte Gemütswürste, nahrhaft, wenig einladend, nicht gut zu essen. Jetzt stecken sie in ernster Lage; man darf dies alles nicht mehr so komisch schreiben. Denke ich an die Opfer der Würste, vergeht mir der Appetit ohnehin.

Als beste Idee zu einer kompensierenden Rückschau aufs Weltkriegsverhalten, gekoppelt mit einem Zukunftsprogramm, kam der aus Goldreserven der Nationalbank genährte Solidaritäts-Fonds auf; eine mit Mitteln ansehnlich ausgerüstete Hilfs-Institution - falls sie bei kommender und bereits massiv auf später verschobener Volksabstimmung angenommen wird. Von der Meinungs-Mehrheit bei seiner Erfindung aus serbelt das Projekt Umfragen zufolge im Augenblick auf eine Meinungs-Minderheit zu. Es kostet Gold. Kostenlose Gewissensbisse wären den Schweizern lieber; etwa ein Gewissensbiß per Jahrzehnt.

Volksabstimmungen werden in der Schweiz vom Volk entschieden. Das Volk ist Christoph Blocher. Das meiste an Presse und Volk ist rund um die Uhr bemüht, ihm Ruf zu verschaffen und den über die Runden zu retten. Er ist Multimillionär (wie Le Pen und Haider), internationaler Industrieller, darum gegen das Internationale, immer genauso freundlich wie eine Gemütswurst - die auch ins Auge spritzen kann - und geschickter Börsianer; gegenwärtig macht er mehr als eine Million täglich mit Papierchen. Er ist, man ahnt es, Populist. Sein Gegner, die All-Landesparteien-Koalitionsregierung, wirkt müde, uninspiriert, verbraucht, er wirkt altväterlich, kräftig, agil. Er altert, aber die anderen sind schon alt. Das Land auch. Die heutige Schweiz ist Haartoupet und Kukident. Bitte keinen neuen Weltkrieg. Aber zu sagen, wir hätten den letzten mitverlängert, geht zu weit. Sagt Blocher auch. Wo er recht hat, hat er recht.

Die Landesregierung ernannte Adolf Muschg, den unermüdlichsten, korrektesten, richtigsten, erfahrensten und, es auszusprechen gehört sich nicht, manchmal repetitiven Essayisten und Mahner der Schweiz, zum Berater bei der Vorbereitung des Solidaritäts-Fonds. Blocher will den Fonds bei der Abstimmung zu Fall bringen, versucht im Vorfeld die Beteiligten zu diskreditieren, ohne sein Lieblingsthema, den offenen Antisemitismus, allzu skandalös auszuspielen. Er benötigt gewisse Crescendo-Möglichkeiten für später. Er arbeitet mit Substitutionen. Die Diskreditierung des Beauftragten-der-Landesregierung Muschg wird gegen die Diskreditierung des Schriftstellers Muschg ausgetauscht. Die Trennungslinie Juden-Schweizer wird durch die Linie Deutschweiz-Deutschland ersetzt: Letzteres tief aus der Mottenkiste, funktioniert aber als letzte Remobilisierung des seinerzeitigen Weltkriegs-Deutschenhasses noch immer. Zudem wird, salopp gesagt, das ,Holocaustige' des Ganzen in einen heutigen Kulturkampf verschoben. Die Brisanz des großen Schrecklichen verliert sich zugunsten einer neuen Kitzligkeit. Vergleichbar ist das Ganze mit Haiders Angriff auf Elfriede Jelinek als Künstlerin des verhaßten Burgtheaters. Diese Populisten, man weiß es, besetzen als erstes das Feld der Kunst bzw. versuchen es leerzuschießen.

Blocher arbeitet schlecht, aber für seinen Schweizer Erfolg suffizient. Der Autor Jakob Schaffner damals, so sagt er in Rede und Zeitungsinserat, war ein Kollaborateur mit Nazideutschland. Muschg ist ein Kollaborateur mit dem heutigen Deutschland, womit er ein Jakob Schaffner ist. Die heutigen Deutschen haben Brüssel in der Hand; die Schweizer könnten Brüssel beitreten wollen. Bereits leisten die neuen Schaffner die Vorarbeit. Als Essayist zur Schweiz allgemein und neuerdings zur Schweiz-in-der-Affäre behauptet Muschg gar, sie habe "als stiller Teilhaber" die Pogrome der Nazis unterstützt. Auschwitz liege nicht so weit ab. Dies ist eine so infame Lüge, daß er deswegen mit einem Pogrom bestraft werden muß, denn merke: Pogrome gibt es bei uns nicht. Das ist beste Blochersche Logik, übrigens keineswegs unschweizerische.