Vielleicht wird es das Geschäft des Jahrhunderts: Wenn vom nächsten Jahr an in den Vereinigten Staaten das digitale Fernsehen Einzug hält, werden hundert Millionen Haushalte ihre alten TV-Geräte durch neue Fernsehapparate ersetzen müssen. 240 Millionen Flimmerkisten wandern auf den Schrott, ebenso viele fabrikfrische Geräte für den digitalen Empfang werden eingekauft - für insgesamt 150 Milliarden Dollar: eine kommerzielle Bonanza, wie die Neue Welt sie nur selten gesehen hat. Den großen Versprechen steht allerdings ein großes Problem gegenüber: Niemand weiß so recht, wie das Fernsehgerät der Zukunft eigentlich aussehen soll.

Zwei mächtige Branchen streiten um die richtige Vision. Auf der einen Seite stehen Computerbauer und Softwareentwickler, nach deren Meinung das Fernsehen nur mit dem Computer überleben kann. TV-taugliche Personalcomputer oder ganze "PC-Theater", die neben Rechner und Fernsehen auch andere Funktionen in einem Gerät vereinen, sollen die alten Apparate aus den Wohnzimmern vertreiben. Ganz falsch, halten die Chefs der großen TV-Anstalten und viele Hersteller von Studio- und Unterhaltungselektronik dagegen: Die Zukunft des Fernsehens liege in einer digitalen Version - des Fernsehens. Vor der Wohnzimmercouch soll nach ihrer Ansicht alles beim alten bleiben.

Hinter dem Streit stecken die Angst um angestammte Märkte und das heftige Verlangen, neue Kunden zu gewinnen. Ausgelöst wurde er durch die Entscheidung der für Fernsehsender und Frequenzen zuständigen amerikanischen Aufsichtsbehörde FCC, Amerikas TV-Welt zu digitalisieren. Schon von 1998 an sollen die Kunden in zehn Regionen der USA die ersten digitalen Signale empfangen können. Bis zum Jahr 2006 müssen dann alle 1600 Fernsehstationen in den USA ihre Programme digital und in besserer Bildqualität ausstrahlen.

Die Konsequenzen sind vielfältig: Einmal ermöglicht die Digitalisierung, daß über die gleichen Sendefrequenzen künftig weitaus mehr Informationen und Datenmaterial transportiert werden können; Bild und Ton bekommen auch auf der Mattscheibe Kinoqualität. Schließlich erfolgt die digitale Datenübertragung im Unterschied zum bisher üblichen analogen Verfahren in derselben Weise, nach der auch der Computercode geschrieben wird. Der Hochzeit von Fernsehen und PC steht damit - technisch jedenfalls - nichts mehr im Wege.

Die Gurus der Computerbranche sagen dies seit langem. "Die kommende Ära der digitalen Kommunikation ist eine Ära, in der Technologien, Medien und Industrien verschmelzen werden", befindet Eckard Pfeiffer, der deutsche Chef des weltgrößten PC-Herstellers Compaq. Unterhaltungselektronik werde mit Sicherheit "intelligenter" werden, meint auch Craig Mundie, der beim Softwaregiganten Microsoft für den Konsumbereich zuständig ist. Andy Grove, Chef des Chipkonzerns Intel, hat die Angelegenheit unterdessen schon in ein schlagkräftiges Motto für den zukünftigen Kampf um Kunden und Märkte gezwängt: Zwischen PC und TV bahne sich ein "Krieg um Augäpfel" an, gibt Grove die Marschrichtung vor.

Intel, Compaq und Microsoft eint ein gemeinsamer Traum: "Wintel", die weltweit führende Computernorm aus Windows-Software und Intel-Mikroprozessoren, soll künftig auch der Standard für das neue PC-Fernsehen werden - und damit die Kassen klingeln lassen. Zwar dürften 1998 mit weltweit rund hundert Millionen Stück erstmals mehr Rechner verkauft werden als TV-Geräte. Aber trotz dieser Gezeitenwende hat es der PC noch immer nicht geschafft, so allgegenwärtig zu sein wie das Fernsehen. 40 Prozent der amerikanischen Haushalte besitzen einen Computer - aber 98 Prozent sind mit einer oder mehreren Flimmerkisten bestückt. Nach wie vor gilt der PC bei vielen Verbrauchern als Maschine für das Arbeitszimmer, während das Fernsehen im Wohnzimmer für die Unterhaltung sorgt.

Nach Meinung der Computerbranche wird sich das ändern. "Der PC wird immer mehr in der Freizeit genutzt. Jetzt geht es darum, den Computer als Unterhaltungsgerät dorthin zu schaffen, wo die Menschen ihre Freizeit verbringen: vor die Wohnzimmercouch", meint Laurie Frick, die bei Compaq die Konsumerabteilung leitet. "Die Verbraucher wollen ein besseres Fernsehen, das ihnen neben dem Bildsalat auch Informationen und Daten liefert", unterstützt Microsoft-Manager Alan Yates. Vielleicht haben die beiden recht: Schon sechzehn Prozent der Amerikaner nutzen das Internet, viele davon am Feierabend zur besten Fernsehzeit. Kaum ein Schüler wächst auf, ohne Bekanntschaft mit einem Rechner zu machen. Bei vielen Kids ist der Computer cool, nicht aber die Glotze.