Paris, die Champs-lysées und endlich der Sieg, der erste deutsche Sieg bei der Tour de France. Mutter Marianne winkt und schluchzt. Freundin Gaby schluchzt und winkt, und der neuerdings als Ritzel-Hermeneut exzellierende Rudolf Scharping freut sich auch ein bißchen herzhaft mit. "Die Beine, die Deutschland bewegen" (oder doch das Hamburger Abendblatt), endlich haben sie ausgestrampelt. Siiie-ger! Jan Ullrich dankt der Mannschaft, dankt seinem Trainer und verspricht, seinen Prämienanteil dem Team Telekom zu spendieren. Dann geht er duschen.

Aber hat er nicht jemanden übersehen? Im Trubel der Feierei waren mit einem Mal jene drei Männer vergessen, denen Jan Ullrich mehr verdankt als Masseur, Manager und Mutter zusammen: Stefan Aust (Der Spiegel), Werner Funk (Stern) und Helmut Markwort (Focus). Ohne die drei hätte es diesen Triumph für das wiedervereinigte Deutschland, für die deutsch-französische Freundschaft und nicht zuletzt für Europa in den Grenzen von Maastricht (oder so ähnlich Kanzleramtsminister Bohl) nicht gegeben.

Telekom-Chef Ron Sommer war es, der - wie die SZ vergangenen Samstag enthüllte - das sportliche Potential der drei entdeckte und sie für die Deutsche Telekom in das Begleitfahrzeug einlud. Während Ullrich sich einen schönen Lenz machte und den Herrgott einen guten Mann sein ließ, saßen Aust, Funk und Markwort drinnen in der schwülen Enge des Begleitfahrzeugs und planten für ihn Angriffe, Ausreißversuche und Bergattacken. Drei Wochen und 3942 Kilometer lang war Jan Ullrich ständig an der frischen Luft, wurde langsam schön braun, ließ sich sogar einen Bart wachsen, während im Troß des gefeierten Helden die drei Handlanger das Letzte aus sich herausholten. Niemand sah es, niemand würdigte es - aber wer sonst hätte Jan Ullrich die Wasserflaschen abgemischt? Wer reichte ihm jeweils ein neues Käppi durchs Autofenster? Wer schmierte ihm seine Butterbrote?

In aller Ruhe kraxelte Jan Ullrich draußen vor dem Fenster von Luchon nach Andorra über die Pyrenäen, jauchzte auf 2240 Meter Höhe, aber die im Tourenwagen sah wieder keiner. Abends im Hotel legte sich Ullrich ins gemachte Bett, während seine Betreuer Aust, Funk und Markwort noch die Kette der Rennmaschine ins Ölbad brachten. Jedes Glied seiften sie einzeln ein und polierten es anschließend auf Hochglanz. Mächtig schwollen die Adern am Hals, der Schweiß rann ihnen in Sturzbächen übers Gesicht, sie keuchten und wollten schier verzweifeln, gaben aber nie auf, sondern immer das Äußerste. Am nächsten Morgen stieg Jan Ullrich auf sein blitzendes Rad. Kein Dank, nichts. Die im Dunkeln sieht man nicht.

Endlich, in allerletzter Minute hat die Jury der Tour de France ihr Versäumnis doch noch bemerkt. In einer bisher einmaligen, aber sportlich fairen Entscheidung wurde deshalb die Wahl vom Sonntag noch einmal revidiert. Wie wir soeben erfahren, ist Werner Funk zum Bergmeister, Helmut Markwort zum schnellsten Sprinter und Stefan Aust zum Gesamtsieger erklärt worden. Die Preisträger erhalten jeweils ein gelbes Handy. Wir gratulieren.

Finis