Hand an der Stirn, Ohrenstöpsel, stierer Blick auf einen plakatgroßen Bogen Papier, der über und über mit Nullen und Einsen bedruckt ist. Der Mann wird von der Macht seiner Konzentration förmlich in den Stuhl gepreßt. Stefan Gruber heißt er, kommt aus Bergheim in Bayern und ist auch so angezogen, mit Kniebundhose. Seine Schläfe blutet ein wenig, was er erst bemerkt, als ein Kontrahent vom Nebentisch ein Papiertaschentuch herüberreicht. Nicken, kein Wort. Nach 60 Minuten wird er auswendig 390 Nullen und Einsen auf ein Blatt Papier schreiben, genau in derselben Reihenfolge wie auf dem Bogen, der jetzt vor ihm liegt. Dafür gibt es eine Goldmedaille.

Der Rekord in dieser Disziplin liegt bei 1926 Ziffern, aber das ist eine Zahl aus einer anderen Welt. Rekorde werden in London aufgestellt, die deutschen Wettkämpfe finden im schwäbischen Böblingen statt, wo es ein schmuckloses Congress-Centrum gibt, mit "C", und der olympische Gedanke mehr zählen muß als das Leistungsniveau der Großmeister. Ein Dutzend Tische steht dort auf der Bühne, und einen regnerischen Samstag lang sitzen die zwölf Teilnehmer der 1. Deutschen Gedächtnismeisterschaft da und memorieren um die Wette: Binärzahlen, Dezimalzahlen, Kartenspiele, Gesichter, Namen, Worte, Bilder, Gedichte, ein unbarmherziger Kampf. Bei den Dezimalzahlen (die zugerufen werden, alle zwei Sekunden eine Ziffer) bricht das Hirn des Binärbesten Stefan Gruber schon nach der zweiten Zahl ein, unter dem Strich bleibt ihm mit einer weiteren Goldmedaille in der Disziplin "Bilder wiedererkennen" der undankbare vierte Platz in der Gesamtwertung.

Das Gehirn sei ein Muskel, den man durch Training stärken könne, sagt der Mann, der das alles organisiert hat. Klaus Kolb ist gelernter Betriebswirt, er verdient sein Geld mit Kursen, in denen er Managern den richtigen Gebrauch ihrer grauen Zellen beibringt, um "das ganze Potential ihrer Kreativität auszuschöpfen". Die Idee der "Memoriade", des Gedächtniswettkampfes, stammt von einem der Großen dieser Branche, dem Briten Tony Buzan, der über ein Dutzend Bücher geschrieben hat über die richtigen Lesetechniken, die richtigen Notiztechniken, die richtigen Gedächtnistechniken, die richtigen Lerntechniken. Er ist zur deutschen Meisterschaft aus Großbritannien angereist, um der Veranstaltung etwas Glanz zu verleihen, zusammen mit dem Weltmeister Dominic O'Brien, der den Titel seit der ersten Memoriade 1991 in London nur ein einziges Mal an einen anderen abtreten mußte.

Informationsüberflutung? "Um die ganze Speicherkapazität eines Gehirns auszuschöpfen, müßte man 400 Jahre leben", sagt er. Früher hat er sein Gedächtnis dazu benutzt, um in Casinos beim Blackjack zu gewinnen, weswegen er nun im ganzen Vereinigten Königreich Hausverbot in diesen Etablissements hat. Auch O'Brien gibt also mittlerweile Fortbildungskurse im Gedächtnistraining, "Jeder kann so etwas lernen", sagt er gerne, "das ist eine Frage des Trainings." Angefangen hat er, weil er ins Guinness-Buch der Rekorde wollte, mit einem Trick, den er in Böblingen mal kurz vorführt: Er lernt einen Kartenstapel auswendig, 52 Karten in knapp eineinhalb Minuten.

Die Technik ist schnell erklärt: Das Gehirn kann sich Zahlen oder Spielkarten nicht besonders gut merken, viel besser geht es mit Bildern und Personen. Also hat sich der Weltmeister für jede Karte eine bekannte Person eingeprägt - die Herzacht etwa ist er selbst, "weil ich die sonst immer vergessen habe". Wenn die Personen feststehen, werden Reisen ins Gedächtnis gespeichert, ähnlich wie Kamerafahrten, der Weg ins Büro etwa, oder der Rundgang um einen Swimmingpool im Sudan, wo O'Brien (noch in seinem alten Job als Manager einer Reinigungsfirma) wochenlang im Hotel festsaß und auf die Wasserfläche starren konnte. Der Rest ist Imagination: Man stellt die Personen im Gedanken rund um den Pool und konzentriert sich auf den Rundgang. "Eine Sache der Phantasie", sagt er trocken, "Mit Gedächtnis hat das gar nichts zu tun."

Jetzt, drei Wochen vor der nächsten Weltmeisterschaft in London, sitzt er zum Training täglich zwei Stunden vor seinem Laptop, der ihm Zahlenreihen zum Abspeichern im Hirn vorspielt, jede Zahl eine andere Person, jeder Trainingsabschnitt eine andere Reise. Für das wirkliche Leben bringen diese ständigen Denkübungen nicht das, was sich der Laie vielleicht erwarten würde. "Natürlich bin ich nur ein Mensch, der auch manchmal vergißt, wo er die Schlüssel hingelegt hat", flachst O'Brien. Das Büchlein mit den wichtigen Telephonnummern hat sein Manager.

In Böblingen drückt der Meister allen Teilnehmern die Hand."Ich muß schon sagen, Sie haben ein beachtliches Leistungsniveau", sagt er höflich. Die besten drei werden gegen ihn in London antreten - wohl ohne Chance. Helga Zehetmeier, die 42jährige Deutsche Meisterin, ist jener Typ Frau, der es zu umständlich findet, sich die Dinge aufzuschreiben, und sie deswegen lieber gleich im Kopf behält. Um ein Kartenspiel im Kopf zu speichern, braucht sie fast eine Stunde.