Was für eine Wohnung! Kein Flur, ein Salon empfängt den Besucher. Die Wände sind mit königsblauer Seide ausgekleidet. Überall hängen Monumentalgemälde. Zur Linken blickt, goldgerahmt, Kaiserin Maria Theresia herab, zur Rechten ihr Gatte, der Herzog von Lothringen. Am anderen Ende des Raumes thront König Louis XV. Von Adel ist auch der Hausherr dieser Pariser Stadtresidenz, der Graf von Rochechuart-Mortemart. Er sitzt vor einer großen Regalwand voller Bücher, ein jedes in Leder gebunden. Über den Rand der Lesebrille hinweg studiert er seinen handgemalten Stammbaum. "Hier ist sie," sagt er, "meine Großmutter: Marguerite Françoise Marie de la Rochefoucauld, geboren 1886."

Daß die Großmutter ein eigenes Konto in der Schweiz hatte, weiß er erst seit vergangener Woche, als Freunde den Namen auf der Liste nachrichtenloser Konten der Schweizer Bankiervereinigung entdeckten. "Dabei wäre es ein leichtes gewesen, uns zu finden", sagt der Graf. Ein Blick in den französischen Adelsspiegel hätte genügt, um Kontakt mit den Nachfahren der Gräfin aufzunehmen. Die "Chronik des Hauses de la Rochefoucauld" führt Marguerite als Mitglied der neunundzwanzigsten Generation einer Familie auf, die zum Hochadel Frankreichs zählt und auf eine fast tausendjährige Geschichte zurückblickt. Die Autoren der Schweizer Liste haben von dieser Familientradition wahrscheinlich noch nie gehört. Jedenfalls ist der Name als "de la Rochefouclaud" falsch geschrieben.

"Es ist gut möglich, daß Marguerite ein Konto in der Schweiz hatte", meint der Graf und legt ihr Hochzeitsphoto neben das Teeservice. "Wahrscheinlich hat Marguerite ihr Erbe auf dem Konto verwahrt. Es könnte aber auch bloß ein Reisekonto gewesen sein." In jedem Fall müßte er das Erbe mit ihren anderen Nachkommen teilen, und viel, vermutet der Graf, bliebe dann wohl nicht übrig. "Unser Schloß in Hombourg werden wir damit bestimmt nicht restaurieren können", sagt er. Unverständlich ist ihm, wie der Name seiner Großmutter auf die Baseler Liste geriet. Marguerite de la Rochfoucauld starb am 14. März 1929 in Versailles.

Wenn Stanislaw Goldstein aus Lodz die schwere Holzlade öffnet, in Dokumenten kramt und von seiner Tante erzählt, bricht seine Stimme: "Ihr Konterfei sehe ich jeden Tag im Salon - dort steht ihre Alabasterbüste." Das Werk, kurz vor dem Krieg von einem Warschauer Künstler angefertigt, ist die letzte Spur, die es von Halina Goldstein gibt. Ihr Bruder Jan, Stanislaws Vater, hatte die Büste 1942 aus dem Ghetto gebracht, bevor er sich der polnischen Widerstandsbewegung anschloß. Er war der letzte aus der Familie, der die 24jährige Frau gesehen hatte, bevor sie im Frühsommer 1942 in einem Güterwagen deportiert wurde. "Heute können wir nur mutmaßen, in welches KZ sie gebracht wurde, wahrscheinlich nach Treblinka", ergänzt Piotr Goldstein. Der 48jährige, Physiklehrer an einem Warschauer Gymnasium, war überrascht, als er vergangene Woche von seinem Bruder angerufen wurde. In der Gazeta Wyborcza war die Schweizer Liste abgedruckt. Eine Halina Goldstein taucht dort als Bevollmächtigte eines Kontos auf, zeichnungsberechtigt für einen Berek Goldstein, wie die Brüder im Internet (www.dormant accounts.ch) herausfanden. "Gut möglich, daß meine Tante ein Konto in der Schweiz einrichten ließ, sie stammte aus einer wohlhabenden Familie. Ein Berek ist mir allerdings unbekannt", wundert sich Piotr Goldstein, "vielleicht ein entfernter Cousin meines Vaters. Viele Juden haben in dieser Zeit ihren Vornamen geändert, um polnischer zu klingen."

Die Brüder wollen in den kommenden Wochen Details aus dem Leben ihrer Tante zusammentragen: "Wir wissen nur, daß Halina ungefähr im Herbst 1917 in Warschau geboren wurde. Vielleicht können uns Bekannte von damals, die heute in London leben, weiterhelfen. Erst nachdem wir im Stammbaum herumgeklettert sind, werden wir uns bei den Schweizer Banken melden." Bisher halten die Brüder nur ein einziges Dokument in Händen: Das Urteil eines Warschauer Gerichts aus dem Juli 1948, das ihren Vater Jan als rechtmäßigen Erben seiner Schwester Halina ausweist. Der Vater starb 1991, ohne über die Zeit im Ghetto jemals gesprochen zu haben.

Als die Schweizer Liste vergangene Woche veröffentlicht wurde, zeigte sich schnell, daß sie ein buntes Allerlei enthält. Holocaust-Opfer sind darunter, aber auch NS-Verbrecher und Menschen, die vom Krieg profitiert haben. Auch der Name von Hugo Boss, dem Begründer der bekannten Bekleidungsfirma, ist dort aufgeführt. Albert Fischer, 83jähriger Rentner aus dem schwäbischen Metzingen, kann sich an Boss noch gut erinnern: "Er war dem Nationalsozialismus treu ergeben. Als Fabrikant hat er sich am Dritten Reich gesundgestoßen."

Die Firma, 1923 gegründet, stand am Rand des Ruins, als Großaufträge aus Berlin das Geschäft vor dem Zusammenbruch bewahrten. Von 1935 an schneiderte Boss auch Uniformen für die NSDAP. Mit dem Gewinn aus der Produktion von SA-, SS- und HJ-Montur erwarb Boss 1938 eine größere Fabrikanlage. Albert Fischer, der während des Krieges als Kommunist fünfeinhalb Jahre im KZ Buchenwald inhaftiert war, hält das Geld für "schmutzig". Das Schwäbische Tagblatt, das die Firmengeschichte recherchierte, regt vorsorglich an, in der Schweiz deponiertes Vermögen den Nachkommen jüdischer Textilfabrikanten aus Metzingen zu geben oder es zu spenden. Boss' Enkel, die Brüder Holy, konnten sich dazu bisher nicht äußern - sie sind verreist und, sagt die Sekretärin, "unerreichbar". Nicht nur, wie bisher, für Schweizer Banker.