Dieser deutsche Sommer begann damit, daß unser jahraus, jahrein strohtrockener Keller in Hamburg-Eppendorf nach einer Sintflut vollief, meine Motorradkombi, die ich ganz vergessen hatte, im Pappkarton feucht wurde und Stockflecken kriegte, so daß ich selbst ganz oben auf 2042 Meter Meereshöhe, auf der Eisentalhöhe in Kärnten, wie im tiefsten Keller stank.

Auch dort war vom Sommer nichts zu sehen, mit Ausnahme der wunderbar leuchtenden Gebirgsblumen, die am Windebensee (1718 Meter) blühten, darunter die "rostrote Alpenrose", die keine Rose ist, sondern ein Rhododendrongewächs, nicht rostrot, sondern lilarot. Dutzende anderer Blumen blühten da, gelb und weiß, alle ordentlich ausgeschildert mit ihren botanischen Namen. Es gab auf dem kleinen Naturlehrpfad jede Menge Hinweise auf die Tiere zu Wasser, zu Lande und in der Luft, und hätte ich einen Notizblock dabeigehabt, ich wäre versucht gewesen, mir manches aufzuschreiben, zum Beispiel die Tatsache, daß die Flechten, mit denen die Felsen gelb und grau und rot überzogen sind, eine Symbiose aus Pilz und Alge darstellen und daß sie unter den schärfsten Bedingungen überleben.

Die Frage meines eigenen Überlebens stand mir allerdings näher. Mit dem Motorrad war ich im Nieselregen unterwegs in der Kälte und zu allem Überfluß mitten auf der landschaftlich reizvollen Nockalmstraße, die mehr Haarnadeln hatte, als meine Großmutter je besaß. Hatte ich vielleicht das falsche Motorrad gemietet? Oder war ich nach vierzehnjähriger Pause (schreckliche Eile der Zeit!) wieder ein Anfänger, schlimmer noch: einer, der geglaubt hatte, fahren zu können, aber gar nichts mehr konnte?

Jedenfalls hatte ich größte Mühe, die schwere Honda um die engen Kurven zu wuchten. Zum Üben war es mit Sicherheit die falsche Strecke. Ein Glück nur, daß der wackere Motor stark genug war; ein Trost, daß unmittelbar nach der Drehung am Gasgriff die beiden Töpfe zu hämmern begannen und die Shadow durchaus entspannt, aber sehr schnell auf Trab kam, an jeder Steigung und in jeder Situation, selbst im zweiten Gang noch, wenn ich es versäumt hatte, den ersten einzulegen, an der Innenseite der Haarnadel. Fast aus dem Schrittempo tuckerte sie machtvoll in die Gerade. Manchmal war ich froh, daß keiner zusah.

Am Tag zuvor, auf der schmalen Uferstraße vor Millstatt, hatte ein Moped mich und zwei vor mir fahrende Autos überholt, ich sah den Jungen schon im Rückspiegel, die schmale Silhouette, die nun zwischen den überholten und entgegenkommenden Autos hindurchwischte, eine fahrende Kettensäge mit schätzungsweise achtzig Kubik, ein Zehntel meiner Honda, die dafür doppelt so breit war. Und etwas schwerfällig - oder war ich das? Ein Halsbrecher will ich nicht sein, ein Sturz wäre mehr oder minder tödlich, dachte ich, aber ein bißchen von der Körperbeherrschung und Kühnheit des Jungen hätte was. Seltsam, daß man in späteren Tagen mehr am Leben hängt als in jungen, da man doch sein ganzes noch vor sich hat.

Sorgenvoll begann ich die Talfahrt. Sonniges Kärnten, wo warst du? Es war klamm, die Straße naß, Wolkenfetzen verhüllten Gipfel, deren Namen mir ziemlich egal waren. Das Schild "Achtung Weiderost" hätte ich fast zu spät gesehen. Ausgerechnet im Scheitel der Kurve liefen die rutschigen Eisenträger quer über die Bahn. Zwar hatte ich gebremst, aber ich war noch zu schnell. Erst schmierte das Vorderrad weg, Millisekunden später das Hinterrad. Kaum hatten die Räder den Asphalt erreicht, griffen sie wieder. Für den Golffahrer aus Bielefeld hinter mir sah das vermutlich wie ein Schlenker aus, wie eine schnelle, vielleicht sogar tänzerische S-Kurve, mir aber saß der Schreck in den Knochen.

Unterhalb von Innerkrems kam die Sonne hervor. Das ist ja das Schöne in den Alpen: Wenn einem das Wetter nicht paßt, biegt man einfach um die Ecke ins nächste Tal. Plötzlich tauchten himmelhohe Betonpfeiler auf. Wegen des Helms konnte ich gar nicht so hoch gucken, wie die Tauernautobahn über die Täler und Höhen führte. Aber ich beneidete die da oben überhaupt nicht. Erst auf den alten Landstraßen, die sich dem willkürlichen, gewaltigen Verlauf des Geländes einfügen, erfährt man die Physiognomie der Landschaft.