Die Veröffentlichung der nachrichtenlosen Schweizer Konten hat die angemessenen Empfindungen im Gefolge: Verwirrung, Scham und ungläubiges Staunen, aber auch einfache Empörung - um so einfacher, als diejenigen, die sich heute empören (die Schreiberin dieser Kolumne natürlich eingeschlossen), zumeist niemals eine Situation durchlebt haben, in der es so auf ihre Moral angekommen wäre, wie es auf die Moral derer ankam, deren Versagen heute Stoff der Empörung bildet.

Einen besonders intensiven und nur auf den ersten Blick schlichten Anlaß der nachholenden Entrüstung bietet die Indifferenz, mit der die vom unmittelbaren Schrecken verschonten Nationen, wie beispielsweise die Schweiz, aber auch die Vereinigten Staaten, auf die Flüchtlinge reagierten, von denen wir heute wissen, in welchem Ausmaß sie Opfer waren und wurden; die aber ihren Zeitgenossen - im unmittelbaren Kontakt, häufiger jedoch im gesteuerten Suchbild der Medien - nicht selten als eine eigentümlich homogene Menge würdeloser, bedrohlicher, peinlich bedürftiger, uneinschätzbarer Menschen erschienen, zu Barbaren geworden einzig durch das Schicksal ihres Ausgespültseins, ihrer Ortlosigkeit, ihrer Herkunftslosigkeit. Emigranten, das sind Menschen ohne soziale Hände.

Ein Flüchtling der Stunde Null, der Literat Ernst Toller, über die Schwierigkeit, aus dem jeweiligen individuellen Unglück ein gemeinsames politisches Schicksal zu machen, in London 1934: "Ich habe zuweilen daran gedacht, die Emigration zu sammeln, mit der strengen Disciplin einer Legion es wäre ein vergebliches Beginnen. Die Emigration von 1934 ist ein wüster Haufe aus zufällig Verstoßenen, darunter vielen jüdischen verhinderten Nazis, aus Schwächlingen mit vagen Ideen, aus Tugendbolden, die Hitler verhindert Schweine zu sein, und nur wenigen Männern mit Überzeugungen. Deutsche, allzu Deutsche."

Oder auch Menschen, allzu Menschen. Aber Leute wie Toller haben natürlich nicht nur menschlich, sondern vor allem sozial - und in dieser Konsequenz politisch - unter der Tatsache gelitten, daß Unglück nicht veredelt und das Exil nicht nur aller Distinktionsmöglichkeiten beraubt, die zu Hause so etwas Anspruchsvolles und Angenehmes wie "Identität" schaffen, sondern auch der Fähigkeiten zur Artikulation. Jeder Urlaubsreisende kennt das Gefühl der Scham, wenn er nicht einmal freundlich oder nur höflich sein kann durch ein verständliches "Danke"; kennt die Empfindung eines Verlustes von Würde durch Trivialitäten, die um so peinigender ist, als man darum weiß, daß einzelne Wörter, die richtige Kleidung, die passenden Gesten Trivialitäten sind solange sie funktionieren.

Jeder von uns weiß das und sicher auch die Senatorin für Soziales in Berlin, Beate Hübner, die unlängst verfügt und über ihre Behörde durchgesetzt hat, daß die Asylbewerber in der Hauptstadt der Bundesrepublik die 270 Mark für Verpflegung und andere Bedürfnisse, die ihnen monatlich zustehen, in genau zwei kontrollierten Verkaufsstellen ausgeben dürfen (und müssen, denn sparen dürfen sie gar nichts).

Die Waren in diesen Geschäften sind teurer, deren Öffnungszeiten kürzer, und Personal und Ladenmiete bezahlt die Stadt (also der Steuerzahler): Man läßt es sich etwas kosten in Berlin, Menschen zu demütigen. Familien sind für Öl und Apfelsinen zwei Stunden unterwegs, steigen, bepackt mit Kindern und schweren Tüten, drei-, viermal um, fühlen mit jedem Schritt, was ihnen zu sagen einen Dolmetscher bräuchte: Bis zum Beweis des Gegenteils halten wir jeden von euch für einen Schmarotzer oder Verbrecher, den zu schikanieren, zu erniedrigen und in Verzweiflung zu treiben ein Gesellschaftsspiel unserer Zivilisation ist. Der wüste Haufe aus zufällig Verstoßenen, der ihr seid, der soll, wenn wir ihn schon nicht zerstreuen können, zu einem unansehnlichen Klumpen werden, aneinandergeschmiedet durch das Pech, in dieses Land geraten zu sein. Ihr seid ohne soziale Hände, dafür halten wir Eure Füße auf Trab und quälen euch ein bißchen am Gemüt.

Ernst Toller hat sich umgebracht, vor 58 Jahren im Exil. Ein Flüchtling weniger.