Henning Martens mißt 1,92 Meter und bringt 103 Kilo auf die Waage. Zwei Kästen Mineralwasser nimmt er, als sei das gar nichts, in jede Hand. Seine Bewegungen sind kraftvoll und effektiv: kleine Schritte, der Gang etwas watschelnd, aber schnell, und auf der Treppe beschleunigt er noch mal. Oben stehen schon die vier leeren Kästen bereit, aber für ein Gespräch ist immer Zeit. Was denn die Kinder machen? "Ja, denen geht's gut", sagt Martens.

Martens ist der Star im Team des "Getränke-Valentiner" in Hamburg-Langenhorn. Vielleicht dreißig Kisten Mineralwasser, Saft und Bier stapeln sich hinten in seinem Lieferwagen. Er hat seine Tour um 8 Uhr begonnen; um 11 wird er seine erste Ladung verteilt haben und die nächste Fuhre aufnehmen. "Feierabend ist, wenn alles weggeschafft ist", sagt er, und das könne in den heißen Monaten bis 21 Uhr dauern. Ohne Pause.

Jetzt ist es kurz nach 9 Uhr. Es geht, sagt Martens, zu einem "speziellen Kunden". Die Tür im dritten Stock öffnet sich auch nach mehrfachem Klingeln nicht. Martens pocht energisch dagegen. "Jo", tönt es schließlich von drinnen, und etwas später steht ein zerzaustes Männchen in Unterhose vor dem Lieferanten und reibt sich den Schlaf aus den Augen.

Normalerweise, erzählt Martens später, liefere er hier vier Kästen Bier ab. Aber alle paar Monate versuche der Mann, trocken zu werden. "Und dann gibt es zwei, drei Wochen nur Saft."

Martens ist dreißig und fährt seit zehn Jahren Getränke aus. Gelernt hat er Schornsteinfeger, ist sogar Meister, fand aber in seinem Beruf keine Arbeit. Sein Job mache ihm Spaß, sagt er. "Wenn alle Welt so ein Verhältnis hätte wie ein Getränkefahrer zu seinen Kunden, dann würden wir uns besser verstehen."

Mal den Müll runterbringen, findet Martens, "gehört zum guten Ton". Oder die Jalousie wieder anbringen. Oder die Lampe reparieren. "Wenn die einen Elektriker kommen läßt, ist sie ja gleich hundert Mark los."

Viele Kunden sind Rentner; seltsamerweise, sagt Martens, seien gerade sie es, die nie Zeit hätten und immer genaue Termine vereinbaren wollten. Mit ihnen führt er bisweilen auch "ein Fachgespräch". Bevorzugtes Thema: Heilwasser. "Fachinger soll ja die Verdauung anregen."