"Geht es dir gut?" fragt man. Oder: "Geht es dir schlecht?" Die Antwort, die man bekommt, lautet nicht immer, aber immer öfter: "Nicht wirklich."

Nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht. Die Floskel verweist auf eine Unfähigkeit, die eigene Gefühlslage präzise zu bestimmen und zu benennen. Erfahrungen und Erleben werden unwirklich , die Emotionen konjunktivisch: Könnte es sein, daß es mir gar nicht so gut geht, wie ich mich fühle?

Die Instabilität des Gefühlslebens eröffnet Spiel-Räume für Selbstentwürfe und Maskeraden. Virtuos verwandeln sich die Menschen im Cyberspace in verschiedene Persönlichkeiten. Die amerikanische Soziologin Sherry Turkle diagnostiziert in einem Online-Massenblatt: "Du bist, was du vorgibst zu sein. Das ,wahre Leben' kann da schon mal untergehen."

Und die wahren Gefühle erst recht. Wer sich auf Freund oder Freundin, auf Hund oder Katze nicht mehr verlassen möchte, weil er nicht wirklich weiß, was er von ihnen wirklich will, der greift zum Tamagotchi - jenem virtuellen Tierchen, das man sich an den Schlüsselbund hängt und pfleglich behandeln muß, um es am Leben zu erhalten. "Füttere Dein Tamagotchi" lautet eine Anweisung. Oder: "Prüfe sein Befinden und spiele mit ihm." Wenn nicht, dann heißt es bald: "Life over." Ein vernünftiger Handel: Wer sich den Computerbefehlen unterwirft, der bekommt jenen emotionalen Backflow, der ihm im wahren Leben verwehrt bleibt.

"In einer Welt, die uns um die Muße und die anderen Bedingungen des Privaten betrügt", hat Günther Anders schon vor Jahrzehnten geschrieben, "schrumpft die Subtilität unseres seelischen Privatlebens." Der Betrug ist mittlerweile größer geworden, die Subtilität hat sich weiter zurückgezogen.

Was bleibt, ist ein großes Unverständnis für Nuancen und Schattierungen, die das Gefühlsleben noch im 19. Jahrhundert bestimmt haben: die Überempfindlichkeiten von Proust und Huysmans, die Gefühlspolitiken Stendhals und die tödlichen Verwebungen von Emotion und Gesellschaft bei Gustave Flaubert.

Statt dessen wird heute der verzweifelte Versuch unternommen, die Restempfindsamkeit im Taumel von Rave und Love Parade zur Unio mystica zu überhöhen oder auf der Suche nach Authentizität zu erden. Der Erfolg eines Films wie "Bandits" zeigt ein allgemeines Bedürfnis nach wahrem Leben mit wirklichen Gefängnismauern und tatsächlichen Ausbrüchen. Doch der Videoclip-Salat, den Regisseurin Katja von Garnier anrichtet, und der Neo-Girlie-Talk, den sie sich ausgedacht hat, ist nur ein Beleg für die Unfähigkeit der Schizo-Surfer aus der Unterhaltungsbranche, zu einer Sprache zu finden, die über die Gefühle der neunziger Jahre Auskunft geben könnte. Vielleicht weil sich diese Befindlichkeiten im Ungefähr zwischen Realität und Unwirklichkeit überhaupt nicht mehr versprachlichen lassen? "Bandits" ist ungefähr so echt wie das Tamagotchi und schmiegt sich damit perfekt den Bedürfnissen seiner Viva-MTV-Klientel an.