Der Kaiser betritt das Parkett, und die Finanzwelt huldigt ihm. Selbst coole Broker recken nervös die Hälse, um das Idol ihrer Jugend zu sehen: Franz Beckenbauer. Wohl kein Konzernchef der Welt hätte im Handelsraum der Frankfurter Börse ein größeres Gedränge ausgelöst als der Präsident des FC Bayern. Deutschlands einstiger Ausnahmeathlet hat allen Grund zum Strahlen, denn mit der Bayern-Aktie steht heute erstmals ein deutscher Fußballverein auf dem Kurszettel. Die Banken haben ganze Arbeit geleistet: Die erhofften 500 Millionen Mark sind locker eingefahren, und der Kurs schießt in die Höhe.

Zugegeben, die Szene ist erfunden. Noch, denn die Fiktion könnte in spätestens zwei Jahren Realität werden. "Am 1. Juli 1999 will der FC Bayern an der Börse sein", verkündet bereits Bayern-Manager Uli Hoeneß. Und auch seine Gegenspieler bei Borussia Dortmund liebäugeln mit einer Finanzspritze vom Kapitalmarkt: Im Spätherbst will der Steueranwalt und Noch-BVB-Präsident Gerd Niebaum den westfälischen Spitzenclub per Mitgliederentscheid in eine Kapitalgesellschaft mit hauptamtlichem Vorstand umwandeln. Bis zur Aktiengesellschaft mit Börsennotierung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Die Tempomacher der Paradeliga sehen die Zeit gekommen, um im heimischen Fußballgeschäft eine neue Ära einzuläuten. Der Plan ist hervorragend terminiert: Der Ballsport boomt wie nie zuvor, und die Deutschen sind vom Aktienfieber infiziert. Auch an den internationalen Finanzmärkten sind die Aussichten günstig. "Bayern- und Dortmund-Aktien würde ich recht wahrscheinlich kaufen", sagt Tony Fraher, Chef der Londoner Anlagegesellschaft Singer & Friedlander.

Frahers Lob ist ein besonderes Gütezeichen. Der umtriebige Finanzexperte hat im Januar den ersten offenen Fußballfonds der Welt auf den Markt gebracht. Binnen weniger Wochen lockte sein ungewöhnliches Anlageprodukt 20 000 Aktionäre, die immerhin 90 Millionen Mark einzahlten.

"Ein Fußballverein - das ist eine Marke fürs Leben. Die Leute merken gerade erst, was für ein Vermarktungspotential darin steckt", schwärmt Fraher und träumt von einer Zukunft, in der sich alle Europäer Schokoriegel, Bettwäsche und Kreditkarten nur noch mit Vereinslogo kaufen.

Daß der Visionär von der Insel seiner neuen Fondskundschaft bislang die erhofften Gewinne schuldig geblieben ist, irritiert ihn nicht weiter. Zwar stürzten die Kurse britischer Fußballtitel 1997 im Durchschnitt um dreißig Prozent ab, nachdem sie sich in den vergangenen Jahren teilweise versiebenfacht hatten, aber das Digitalfernsehen stehe mit Hunderten Kanälen und Milliardenverträgen vor der Tür - "offene Rachen, die gefüttert werden müssen". Und tatsächlich: Nicht nur aus München und Dortmund sind immer öfter Meldungen über geplante Börsengänge zu hören, auch aus Italien, Spanien und der Schweiz kommt solche Kunde.

Bislang sind den Aktienrevolutionären aus München und Dortmund noch die Hände gebunden: Die deutschen Vereine sind allesamt - wie schon zu Turnvater Jahns Zeiten - als eingetragene Vereine organisiert, eine ganz und gar kapitalistenunfreundliche Rechtsform. Freie Fahrt für Kicker-Aktionäre kann es frühestens im Oktober nächsten Jahres geben. Dann tagt der Bundestag des Deutschen Fußballbundes (DFB) in Wiesbaden. Wenn nicht alles trügt, wird das Gremium über einen Antrag abstimmen, der entsprechende Satzungsänderungen vorsieht.