Genau betrachtet kommt der Reformanstoß gar nicht von den Vereinen, sondern vom Europäischen Gerichtshof in Brüssel. Der sprach dem belgischen Fußballspieler Jean-Marc Bosman, einem eher unbekannten Mitläufer, im Dezember 1995 grundsätzlich das Recht zu, frei seinen Arbeitgeber zu wählen. Damit krempelten die Richter am grünen Tisch die Fußballszene des Kontinents radikal um. Ablöseforderungen für Spieler, deren Verträge auslaufen, sind seitdem schlichtweg untersagt.

Doch paradoxerweise erreicht der Handel mit Topspielern seitdem erst recht astronomische Summen. Um den Ausverkauf ihrer Stars zu verhindern, binden Europas Clubs die Lieblinge der Massen mit langfristigen Kontrakten. Da die meisten Spitzenkicker auf einer Ausstiegsklausel bestehen, ist ein vorzeitiger Wechsel unverändert möglich. Voraussetzung: Der Übernahmeinteressent langt tief in die Tasche. Davon fließt häufig ein erklecklicher Betrag ins Portemonnaie der begehrten Spieler. Klar, daß deren Drang zur beruflichen Mobilität sich seitdem ungemein erhöht hat. Die Folge sind schwindelerregende Gehälter und Transfers, die vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten hat.

Trotz der jüngsten sportlichen Triumphe wird es da den deutschen Clubs auf Dauer schwerfallen, finanziell mitzuhalten. Zwar haben die hiesigen Vereine vor dem Saisonstart so viele Dauerkarten abgesetzt wie noch nie, einmalig hohe Sponsorenverträge abgeschlossen und tonnenweise Fanartikel verkauft. Doch das ist noch nichts im Vergleich zu den monetären Möglichkeiten der europäischen Konkurrenz. Bei den großen Clubs in Spanien, Italien oder England scheint Geld gar keine Rolle mehr zu spielen. Allein in diesem Sommer gab der spanische Traditionsverein Atlético Madrid achtzig Millionen Mark für neue Spieler aus, mehr als alle achtzehn deutschen Erstligisten in diesem Zeitraum zusammen. Während vor allem die Italiener weiterhin auf spendable Fußball-Liebhaber wie den Ölmagnaten Massimo Moratti (Inter Mailand) oder den Fiat-Konzern (Juventus Turin) setzen, bevorzugen die Briten längst die Börse.

Am Londoner Finanzmarkt sind Kickerpapiere heute Tagesgeschäft. Bereits 1983 beschaffte sich hier der Erstligist Tottenham Hotspur aus dem Norden der Hauptstadt frisches Geld. Als "reichster Club der Welt" gilt inzwischen Englands Dauermeister Manchester United - sein Marktwert: 1,2 Milliarden Mark.

Am britischen Finanzplatz sind 16 solcher Papiere zu haben, die Wirtschaftsfachpresse druckt Fußballberichte, und der Börsenindex der Fußballwerte ("Footie") ist an Terminals der Nachrichtenagentur Bloomberg jederzeit abrufbar. Zumindest für die Großen funktioniert das System. Als Tottenham Hotspur im vergangenen Jahr sein Stadion ausbauen wollte, holte sich der Verein eben noch mal 33 Millionen Mark an der Börse.

Den Pakt mit dem Kapital gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Aus ihren klimatisierten Großraumbüros und verglasten Arbeitskabinen haben die Londoner Fußballanalysten im Lauf der Zeit einen eigenen Blick auf den alten Arbeitersport entwickelt - und drängen kräftig auf Einfluß. Für Adam Shutkefer zum Beispiel, Direktor im Anlagebereich Lifestyle-Branchen bei der Londoner Investmentbank Deutsche Morgan Grenfell (DMG), ist die Sache klar: Der geschäftliche Erfolg eines Fußballvereins "hat teilweise etwas mit dem zu tun, was auf dem Platz passiert". Aber eben nur teilweise. Auch die "Medien-Gesamtkonzeption" muß stimmen, die "Markenstrategie" stehen - und das alles, ohne den "etablierten Kundenstamm zu entfremden". Tore allein reichen nicht aus, damit institutionelle Anleger den rechten Kick bekommen.

In der obersten britischen Liga geht das Konzept zumeist auf: Yuppies und Familien haben die Hooligans vertrieben. Wo die Fans früher in den Kurven standen und sangen, ist heute alles komplett bestuhlt. Für Heimspiele bei Tottenham Hotspur, die früher regelmäßig in Massenschlägereien rings ums Stadion endeten, müssen die Fans jetzt mindestens 54 Mark hinlegen. "Ein Arbeitsloser kann sich das leider gar nicht leisten", bedauert Finanzdirektor John Sedgwick: "Aber was tun, wenn man einen vollen Preis verlangen kann und das Stadion stets voll wird?"