Gleichzeitig versuchen die Fußball-AGs das Geschäft von der Tagesform ihrer Kicker unabhängiger zu machen, indem sie etwa die Stadien für Konzerte vermieten oder Gaststätten unterhalten. Denn noch reagieren die Börsenhändler panisch, wenn Pech im Spiel die Einnahmen eines Vereins in Gefahr bringt. "Ein verlorenes Spiel könnte man im Grunde analog zu einem einmaligen Sonderposten sehen", erläutert DMG-Analyst Shutkefer. Doch wenn der Verein womöglich einem europäischen Wettbewerb fernbleibt oder gar ein Abstieg aus dem profitablen Oberhaus droht, steht es schlecht ums Geschäft. Als am vergangenen Wochenende bei dem nordenglischen Club Newcastle United zuerst Englands Fußballidol Alan Shearer schwer verletzt ausfiel und dann der Star Les Ferdinand für sechs Millionen zu Tottenham wechselte, ging der Aktienkurs gleich um sieben Prozent in die Knie.

Verständlich, daß sich bei solchen Aussichten beim DFB auch mancher Börsenmuffel zu Wort meldet - zumal jeder Börsengang den Einfluß des weltweit größten Sportbundes schmälern würde. "Über das Thema Fußball und Börse wird seit 25 Jahren gesprochen", redet DFB-Sprecher Wolfgang Niersbach das Thema klein. Auch der gemeinhin unternehmerfreundliche DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder, zugleich Präsident des Erstligisten VfB Stuttgart und Vorsitzender des einflußreichen Liga-Ausschusses, mahnt: "Wir müssen immer die Interessen aller 36 Vereine wahren, von denen mit Sicherheit nur wenige die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllen, um als Aktiengesellschaft mit Börsennotierung anerkannt zu werden."

Neben den Aushängeschildern München und Dortmund sind in der Tat die deutschen Börsenkandidaten an einer Hand abzuzählen. Derweil fürchten Mittelmäßige, Abstiegskandidaten und Zweitligisten, daß sie im Zeitalter des Aktionärsfußballs ins Gras beißen müssen: Schon heute hinken selbst Traditionsvereine wie der Hamburger Sportverein, Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln sportlich und finanziell weit abgeschlagen hinter den Branchenriesen her. Der Blick nach Großbritannien nährt ihre Furcht. Dort binden im wesentlichen die fünf größten Erstligisten das Anlagekapital, auch ihr Umsatz liegt weit über dem Durchschnitt. Die Kleinen landeten dagegen beim Börsengang nicht selten einen Schuß in den Ofen: Der Südlondoner Club Millwall, der in die dritte Liga abstieg, meldete Konkurs an.

Die Kluft zwischen reichen Trophäenjägern und armen Abstiegskandidaten dürfte noch breiter werden, wenn die großen europäischen Vereine - wie angestrebt ihre Fernsehrechte selber vermarkten oder eigene Digitalkanäle eröffnen. Allerdings, die Erstligisten auf den hinteren Tabellenplätzen stehen nicht ganz ohne Druckmittel da, denn "Bayern und Dortmund können nicht nur dauernd gegeneinander spielen", beschwichtigt DFB-Repräsentant Niersbach. So ist zu erwarten, daß die Skeptiker im DFB zunächst einmal strenge Auflagen durchdrücken werden: Die Mehrheit des Aktienpakets soll in jedem Fall in den Händen des Vereins bleiben. Transaktionen wie im nordamerikanischen Profisport, wo ein Mehrheitsaktionär seine Mannschaft schon mal kurzerhand von der West- an die Ostküste verkauft, soll es in Deutschland niemals geben.

Selbst noch so strenge Schutzregeln des DFB dürften auf Dauer aber kaum verhindern, daß die Geldgeber zunehmend die Geschicke des Sports bestimmen. Sponsoren und Werbeagenturen gieren nach den Fußballmarken; Mediengiganten wie der Filmhändler Leo Kirch würden wohl allzugern die Übertragungswege kontrollieren; und Überkreuzbeteiligungen europäischer Vereine könnten bislang ungeahntes Potential freisetzen, etwa bei Spielertransfers oder Übertragungsrechten. Manche Aktienspezialisten sagen bereits die Gründung von Allround-Sportclubs voraus: Fußball, Eishockey und Basketball unter einem finanziellen Dach, zusammen mit einem clubeigenen Fernsehsender.

Eines ist bereits heute klar: Beherrscht das Kapital den Ball, läßt sich die Globalisierung auch im Fußballsport nicht aufhalten. Das bekamen jüngst die Einwohner im italienischen Vicenza zu spüren. Zu ihrem Entsetzen - und gegen den erbitterten Widerstand des Bürgermeisters - wurde der örtliche Erstligist verkauft: Die Geschicke des südeuropäischen Vereins bestimmt zukünftig die Londoner Finanzgesellschaft Stellican.