Wie er hereinkommt und eine Banane haben will, sein Masseur Dieter Ruthenberg aber keine mehr hat und er in träger Verdrossenheit trotzdem im Zimmer herumsucht, hinter Kissen, unter Kleidungsstücken, bis er tatsächlich doch noch eine gefunden hat und sie nun selbstzufrieden zu schälen beginnt, betrachtet man ihn von Augenblick zu Augenblick irritierter. Aus der Gloriole von Straßenstaub und Felsengipfel taucht kein Heldengesicht auf, sondern das eines Jungen.

Dasselbe Jungengesicht, mit dem er beinahe andächtig auf das Geschehen ringsum blickte, wenn sie ihm nach der Etappe hinter der Bühne auf dem Holzgerüst ein frisches gelbes Trikot anlegten. Am Lachen und an den Bewegungen der schönen Mädchen in den gelben Kleidern, die für diesen Tag ausgesucht waren, ihn auf dem Siegerpodest zu flankieren, erkannte man viel klarer, daß dies alles Busineß war. Dann ging er hinaus, um sich ehren, beklatschen und weltweit in Wohnzimmer projizieren zu lassen; ein wenig ungelenk im Vergleich mit den beiden Schönen, und der rötliche Bartflaum wirkte wie die Siegerpose; irgendwie zu früh gekommen für dieses sommersprossige, von Erfahrungen noch ungezeichnete Gesicht.

Es ist spät geworden, schon zehn Uhr, eigentlich sollte er seit einer halben Stunde im Bett liegen. Er kommt von der Massage, schläfrig. Keiner im Team läßt sich nach einer Etappe so lange massieren wie er. Auf dem Massagetisch fällt alles von ihm ab, der Schmerz in den Muskeln, die Gedanken, die stundenlange Konzentration auf die Gegner, die Bewegung im Feld, das eigene Rad. Die Angst vor einem schwachen Tag, vor einem Sturz wird ihn bis Paris nicht verlassen.

Mitunter schläft er auf dem Massagetisch ein, dann ist nur noch die Muskulatur unter Ruthenbergs Händen wach. In solchen Momenten könnte er vielleicht sagen, daß er glücklich ist, doch darüber denkt er nicht nach. Natürlich soll er immer wieder seine Gefühle beschreiben. Einmal sagt er, es sei schön, da oben auf dem Podest zwischen zwei schönen Mädchen zu stehen und das Trikot zu bekommen. Weil er aber nach jeder Etappe so kaputt sei, dächte er dort oben immer schon daran, daß er sich unbedingt bis morgen wieder erholen müsse.

Merckx, denkt man plötzlich, genauso wie Eddy Merckx. Das gleiche Temperament. Raymond Poulidor, der niemals das gelbe Trikot trug und gerade deshalb in Frankreich zur Radsportlegende wurde, rief es voller Verwunderung, als er Jan Ullrich beim Schlußanstieg der zweiten Pyrenäenetappe zum gelben Trikot stürmen sah: "C'est Merckx!"

Leidenschaft, Willensstärke, schiere Kampfkraft erlebte man auch bei Merckx nur auf dem Rennrad, wenn eine Quelle in ihm, die Ullrichs Trainer Becker als "glühenden Ofen" bezeichnet, den Körper zu einer explosionshaften Kraftentladung trieb. Doch wenn er anschließend davon erzählen sollte, klang alles zu nüchtern, nicht groß genug, irgendwie nichtssagend. Allerdings sagte er auch niemals etwas Dummes oder Unangemessenes.

Ullrich werde sein Nachfolger, erklärte Merckx bei dieser Tour. Immerhin scheint die Situation günstig, daß er Nachfolger des Spaniers Indurain werden könnte, der 1991 seine fünfjährige Herrschaft über die Tour antrat, als wie heute für Ullrich weit und breit kein ernsthafter Herausforderer zu erblicken war.